Die Bahn rast gegen Flieger an: Von München nach Berlin in knapp vier Stunden

Der Eröffnung entgegen: ICE-S-Messzug auf dem Ilmtalviadukt am Nordostrand des Thüringer Waldes. Archivfoto: DB/nh

Von München nach Berlin in knapp vier statt vorher sechs Stunden: ICE-Sprinter und Bahn-Neubaustrecke durch den Thüringer Wald machen’s möglich. 20 Jahre wurde am Verkehrsprojekt Deutsche Einheit 8 gebaut, zehn Mrd. Euro hat es gekostet.

Ein bisschen ist es wie in der U-Bahn - nur schneller, viel schneller. Mit Tempo 300 in der Spitze rast der ICE Berlin - München auf der Neubaustrecke südlich von Erfurt von Tunnel zu Tunnel durch den Thüringer Wald.

Die neue Nord-Süd-Magistrale tritt mit Inbetriebnahme zum Fahrplanwechsel am Sonntag auch in Konkurrenz zur Hauptstrecke durch unsere Region. In der Mitte Deutschlands rückt nun Erfurt als Verkehrsknoten neben Kassel. Fragen und Antworten:

? Wie weit geht die Geschichte des Projekts zurück?

Bis in die Wendezeit. Politisch wurden die 17 großen Projekte für Straße, Schiene und Wasserwege 1991 nach der Wiedervereinigung beschlossen. Das alte Bahnnetz im Osten war marode. Oft wurden die Bahnstrecken in der DDR um 1989 wesentlich langsamer befahren als in den 1930er Jahren. Berlin und Nürnberg sind dank der neuen Strecke mit der Bahn jetzt drei Stunden voneinander entfernt. 1990 reiste man knapp sieben Stunden. Vor zwei Jahren ging der neue ICE-Abschnitt zwischen Leipzig/Halle und Erfurt in Betrieb. Probleme gab’s genug: 1999 legte Bundesverkehrsminister Franz Müntefering (SPD) den Bau mal auf Eis - bis 2006.

Und was genau wird jetzt gefeiert?

Der Lückenschluss durch den Thüringer Wald bis Nürnberg. Die Hälfte der 107 Kilometer verläuft laut Spiegel über Brücken und in Tunneln. Im Schnitt hat ein Kilometer rund 30 Millionen Euro gekostet. Eine Besonderheit ist, dass die Gleise zum Teil oberhalb von 600 Metern liegen. Der Spiegel: „Für eine Hochgeschwindigkeitsstrecke nahezu einzigartig in Europa“.

Thüringens Landeshauptstadt Erfurt nennt die DB „neues Fernverkehrsdrehkreuz in Mitteldeutschland“. Wieso?

Die Zahl der ICE-Abfahrten erhöht sich dort mit dem Fahrplanwechsel laut Bahn um 70 Prozent auf rund 80 pro Tag. Der ICE fährt aus Erfurt jede Stunde in alle vier Himmelsrichtungen.

Bahn-Vorstandschef Richard Lutz im Sommer nach einer Testfahrt mit dem ICE-Sprinter auf der Neubaustrecke. Foto: dpa

Und die Nord-Südverbindung durch unsere Region?

Die bekommt den neuen ICE 4. Der 350-Meter-Zug mit 830 Sitzplätzen startet mit fünf Einheiten seinen Regelbetrieb auf den Strecken Hamburg - München sowie Hamburg - Stuttgart. Die ICE-Linie 11 Berlin - Frankfurt- München verläuft künftig über Erfurt. Über Kassel läuft die neue ICE-Linie 13 nach Frankfurt - nicht zum Hauptbahnhof, sondern nach Frankfurt Süd und zum Flughafen.

Und wie sieht’s mit den Abfahrten aus?

Laut DB verkehren nach dem Fahrplanwechsel am Sonntag zwischen 8 Uhr und 17 Uhr von Kassel nach Berlin genau 17 ICE - das sind so viele wie vorher. Richtung München bleiben es in dieser Zeit zehn ICE-Verbindungen. Nach Frankfurt weist der Fahrplan für heute zwischen 8 Uhr und 17 Uhr 18 ICE-Fahrten aus, nach dem Fahrplanwechsel sind es dann 17.

Und wer sind die Verlierer der neuen Nord-Süd-Sprintstrecke?

Einige Städte, darunter Thüringens Wirtschafts- und Wissenschaftszentrum Jena, fühlen sich abgehängt vom ICE-Verkehr. Andere leiden unter den Schallschutzwänden entlang der Trasse: Seinen Ort Ebensfeld vergleicht Bürgermeister Bernhard Storath schon mal mit Berlin zu Zeiten der Mauer. An Manches muss man sich gewöhnen: Signale fehlen an der Strecke, Informationen kommen per Funk in den ICE-Steuerstand. Bei Tempo 300 wären optische Signal vom Lokführer nicht mehr zuverlässig zu erfassen. Einen ICE-Brand im Tunnel gab’s bereits im Oktober - zu Glück nur als Szenario einer Notfallübung.

Wie will die Deutsche Bahn Kapital aus der neuen Strecke schlagen?

ICE-Züge über den Thüringer Wald seien eine „sehr ernsthafte Alternative gegenüber dem Flieger“, sagt Bahnchef Richard Lutz. Er hofft auf ein Stück des Kuchens vom Inlandsflugverkehr. Die DB hat ein hochgestecktes Ziel: Die jährliche Fahrgastzahl zwischen Berlin und München soll sich von bisher 1,8 Millionen auf bis zu 3,6 Millionen verdoppeln. Helfen dürfte Lutz, dass nach dem Aus für Air Berlin Flugtickets auf der Route deutlich teurer wurden.

Von Wolfgang Riek und Simone Rothe

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