Erdrutsch im Tunnel schuld?

Bahnsperrung im Rheintal: ICE-Gleise schlagen Wellen

Abgesenkte Bahngleise auf der Strecke zwischen Karlsruhe und Baden-Baden bei Rastatt: Die Ursache soll in einer Bahntunnelröhre unter den Gleisen liegen. Vier nahe Einfamilienhäuser wurden vorsorglich evakuiert. Foto: dpa/Spether

Lange speiste die Deutsche Bahn am Wochenende ihre Kunden mit dem lapidaren Begriff „technische Störungen“ ab, um die Vollsperrung der Rheintalbahn zwischen Rastatt und Baden-Baden zu begründen.

Nach zwei Tagen zum Ferienende unter anderem in Hessen mit langen Wartezeiten, Ersatzbussen und Umstieg auf Regionalzüge für Tausende ist klar: Bei Rastatt haben sich Gleise über einer Tunnelbaustelle gefährlich abgesenkt. Die DB will die Baustelle stabilisieren und dann die Bahnstrecke reparieren. Mindestens bis 26. August fahren hier aber keine Züge zwischen der Schweiz sowie West- und Norddeutschland. Wichtige Fragen und Antworten:

Wie kommt eine Tunnelbaustelle unter eine Fernverkehrstrasse? 

Beides sind Projekte der Bahn. Die Neubauröhre soll die Stadt Rastatt irgendwann unterqueren. Seit Mai 2016 fressen sich riesige Bohrmaschinen durch den Untergrund, wo irgendwann Züge durch zwei Röhren donnern sollen. In Teilbereichen liegen laut DB nur fünf Meter zwischen Gleisen oben und Baustelle unten. Hier wurde der Boden zur Stabilisierung auf über 200 Metern Länge künstlich vereist, um Züge oben und Tunnelbohrer unten parallel laufen lassen zu können.

Und was ist da am Wochenende schiefgegangen? 

Sensoren meldeten die Absenkung der Gleise über der Baustelle - der Bahnverkehr wurde automatisch gestoppt. Schuld ist laut Stadtverwaltung Baden-Baden ein Erdrutsch in der Röhre. Auch von Wassereinbruch schrieben lokale Medien. Bestätigt wurde das nicht. Nach dem Komplettstopp aller Züge wurden vier Wohnhäuser in der Nähe vorsorglich evakuiert. Die Fotos vom Ort der Absenkung sind krass: Die ICE-Gleise schlagen Wellen. Auf einer Länge von acht bis zehn Metern sind sie laut Badischer Zeitung um fast einen halben Meter abgesackt.

Klingt nicht gut. Was weiß die DB aus dem Tunnel? 

Neueste Entwicklung am Dienstagnachmittag: Die Schäden an der Tunnel-Baustelle unter den am Samstag abgesackten Gleisen weiten sich deutlich aus. Am Dienstag habe es neue Erdbewegungen gegeben, sagte der Konzernbevollmächtigte der Bahn für Baden-Württemberg, Sven Hantel, in Karlsruhe. Jetzt soll die Röhre auf 50 Metern komplett mit Beton ausgefüllt werden, um sie zu stabilisieren. Weil die teure Tunnelbohrmaschine nicht geborgen werden könne, müsse sie aufgegeben werden, hieß es. Der Plan, den Zugbetrieb auf der wichtigen europäischen Nord-Süd-Verbindung am 26. August wieder aufzunehmen, stehe in Frage.

Gestrandet in Karlsruhe: Reisende auf der Rheintalstrecke am Sonntag. Foto: dpa

Wie ging es den Reisenden im Rheintal? 

Die mussten 20 Kilometer in Bussen und Regionalzügen überbrücken. In Karlsruhe etwa wurden Gestrandete mit warmen Getränken, einer heißen Suppe und Decken versorgt. Viele schliefen in einem ICE, den die Bahn als Notunterkunft herbeidirigiert hatte. Im Tohuwabohu zwischen fragen und warten an den Bahnsteigen ging gar das Gerücht vom Tunneleinsturz um.

Wieso wird im Rheintal überhaupt gebaut - da fahren doch längst ICE, oder? 

Ja, mit anderen Zügen aber seit Langem an der Kapazitätsgrenze (Hintergrund). Und nicht so schnell wie sie könnten. Tempo 250, wie es am Rhein bis 2030 möglich sein soll, geht ja nur auf Schnellfahrstrecken. Die längste (Hannover - Würzburg) führt mit 327 Kilometern durch unsere Region, vollständig in Betrieb seit 1991.

Was unterscheidet die neuen Schnellfahrstrecken von den alten? 

Beim Tunnelbau ist man Jahrzehnte weiter: Unter anderem mit Doppelröhren und getrennten Gleisen, Querverbindungen, die im Notfall als Fluchtwege dienen. Neue Tunnel sind zudem mit festen Fahrbahnen versehen, auf denen bei Unfällen auch Rettungsfahrzeuge, Feuerwehr oder Busse in den Berg oder - im Fall Rastatt - unter die Stadt fahren können. Diese Ausstattung war bei den Tunneln der Schnellfahrstrecke Hannover - Würzburg noch nicht vorgeschrieben. Lücken und Gefahren bei Notfalleinsätzen wurden in unserer Region schlagartig beleuchtet, als im April 2008 ein ICE im Landrückentunnel bei Fulda in eine Schafherde raste und in der Röhre entgleiste. 39 Menschen wurden verletzt, die Bahn verbuchte einen Millionenschaden.

Hintergrund: Mit Tempo 250 durchs Rheintal

• Die 182 Kilometer lange Ausbau- und Neubaustrecke Karlsruhe-Basel folgt grob der vor mehr als 150 Jahren gebauten Rheintalbahn. Laut Deutscher Bahn (DB) ist die Verbindung mit täglich mehr als 250 Zügen des Nah-, Fern- und Güterverkehrs bis an die Kapazitätsgrenze ausgelastet.

• Als Schnellfahrstrecke soll das Projekt, das auf Gesamtkosten von 11,6 Mrd. Euro geschätzt wird, im Reisefernverkehr die Fahrzeit Karlsruhe - Basel um eine halbe Stunde verkürzen. Dann mit bis zu Tempo 250 statt wie jetzt 160.

• Zugleich soll das „Herzstück des wichtigsten europäischen Güterkorridors zwischen Rotterdam und Genua“ auch für Güterzüge schneller werden (teils auf separatem Weg). Möglich machen sollen das zwei zusätzliche Gleise, eine Güterumgehung parallel zur A5 südlich von Offenburg sowie vier Tunnel, unter anderem zur Unterquerung der Städte Rastatt und Offenburg (hier nur Güterzüge).

Service

Das müssen Bahnreisende auf der Rheintalstrecke jetzt wissen:

Kundenrechte 

• Kunden auf der betroffenen Strecke können laut DB ihre Fahrkarten für andere Züge - auch auf weitläufigen Umleitungsstrecken - nutzen oder diese bei Reiseverzicht ohne Gebühr zurückgeben.

• Neben Fahrgastrechten für Verspätungen erstattet die DB auch Mehrkosten für Bahntickets, die aufgrund der Streckensperrung für längere Umwegstrecken gelöst werden.

Lücken-Überbrückung 

• Die DB hat einen Ersatzfahrplan aufgestellt, der bis 26. August gilt. Im Fernverkehr bestehen stündliche Reisemöglichkeiten aus und in Richtung Norden bis und von Rastatt in Richtung Süden bis und ab Baden-Baden. Zwischen Baden-Baden und Rastatt verkehren Ersatzbusse im Sechs-Minuten-Takt. Verspätungsrisiko.

DB-Infos 

• DB-Infos zu allen betroffenen ICE-Linien: 0180/699 6633 (20 Cent/Anruf aus dem Festnetz, Tarif bei Mobilfunk max. 60 Cent/Anruf)

www.bahn.de/aktuell

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