IHK warnt: „Gift für den Standort Deutschland“

Bahnstreik kostet bis zu 100 Millionen Euro pro Tag

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Der Rekord-Streik hat begonnen: Ausstände im Güterverkehr führen bereits nach wenigen Tagen zu Produktionsstörungen, weil Bahntransporte oft nicht kurzfristig verlagert werden können. Das Bild entstand im Rangierbahnhof Hagen-Vorhalle in Hagen (Nordrhein-Westfalen).

Kassel. Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) macht Ernst und bestreikt die Deutsche Bahn AG für vier Tage. Das trifft nicht nur viele Reisende, sondern auch Unternehmer, die auf den Transport der Waren angewiesen sind. Nach Prognosen von Ökonomen wird der Rekordstreik die Wirtschaft Millionen kosten.

„Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen sind in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten“, hieß es gestern beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Die Schäden können schnell von einstelligen Millionenbeträgen auf über 100 Millionen Euro pro Tag ansteigen.“

Gewerkschaften müssen für diese Schäden nicht zahlen, wenn der Streik rechtmäßig war, sagt Mischa Wölk, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Kassel. Und: „So viel kann die GDL gar nicht falsch machen, dass man sie in Regress nehmen könnte“, ergänzt Wilfried Mosebach, ebenfalls Kasseler Fachanwalt für Arbeitsrecht.

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50 bis 60 Millionen Euro: So hoch waren die Einbußen nach Angaben von Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg, die die Bahn an einem Streik-Wochenende im Oktober verbuchen musste. Da der Bund Eigentümer der Bahn ist, bleiben die Kosten indirekt beim Steuerzahler hängen. Fehlen Einnahmen, etwa für notwendige Investitionen ins Schienennetz, muss der Bund einspringen oder die Bahn die Preise erhöhen.

„Was derzeit bei der Bahn passiert, ist Gift für den Standort Deutschland. Streiks im Güterverkehr führen bereits nach wenigen Tagen zu Produktionsstörungen, weil Bahntransporte oft nicht kurzfristig auf Straßen oder Schiffe verlagert werden können“, sagte Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertag.

Ein Beispiel: Der Kasseler Kali- und Salzproduzent K+S braucht täglich 25 Güterzüge, um Salz und Dünger zu transportieren. Pro Zug sind das 1000 bis 1500 Tonnen Ladung. Diese Züge fahren im regulären Bahnverkehr, werden nicht speziell für die Ladung geordert. „Derzeit loten wir alle Möglichkeiten aus, um die Lieferungen noch zum Kunden zu bekommen“, sagt K+S-Sprecher Ulrich Göbel. Zum Beispiel technische Salze, die für die Elektrolyse in der Kunststofffertigung gebraucht werden. „Kommen sie beim Kunden nicht an, steht die Produktion still“, sagt Göbel. Es sei ein enormer Logistikaufwand: Lieferungen werden vorgezogen, neu koordiniert.

Industriebetriebe haben heutzutage keine großen Lagerbestände mehr. „In Schlüsselbranchen wie der Automobilindustrie ist die Produktionskette komplett auf die Just-in-time-Produktion ausgerichtet“, sagt Dercks. Und so schaut man auch bei Volkswagen sehr genau auf die Bahn und ihre Lokführer. „Unser Ziel ist es, die Produktion an unseren Standorten aufrecht zu erhalten“, sagt Christoph Adomat, Pressesprecher des Autokonzerns. „Bislang ist kein Schaden eingetreten.“

Medizintechnik- und Pharmahersteller B. Braun in Melsungen rechnet bereits mit Verzögerungen durch Rückstaus im Hamburger Hafen. B.Braun-Sprecherin Mechthild Claes: „Für Überseetransporte werden Waren über die Schiene zu den Häfen beziehungsweise von dort nach Melsungen transportiert.“

Von Martina Hummel 

  

Stichwort: Deutsche Bahn AG

Die Deutsche Bahn AG (DB) ist ein deutsches Verkehrsunternehmen mit Sitz in Berlin. Das Grundkapital des Unternehmens beträgt 2,15 Milliarden Euro und ist in 430 Millionen auf Inhaber lautende, nennwertlose Stückaktien eingeteilt. Die Bundesrepublik Deutschland ist Inhaber aller Anteile. Aufgrund der Eigentümerstruktur handelt es sich um ein privatrechtlich organisiertes Staatsunternehmen.

Die Deutsche Bahn AG entstand 1994 aus der Fusion der Staatsbahnen Deutsche Bundesbahn und Deutsche Reichsbahn. Der Konzern hat über 1000 Tochterunternehmen. Die bekanntesten sind DB Regio (Personennahverkehr), DB Fernverkehr (Personenfernverkehr), DB Schenker Rail (Schienengüterverkehr) und DB Netz für das Schienennetz.

Ende 2013 beschäftigte der Konzern 295 653 Mitarbeiter. Der Umsatz lag bei 39,12 Milliarden Euro. Das Ergebnis nach Steuern lag bei 649 Millionen Euro. (mwe)

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