Die Banalität des Spießers

Aufgetauchte Briefe Heinrich Himmlers zeigen einen Mann ohne Selbstreflexion

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Familienfoto als Erinnerung: die Himmlers 1935 im Valepp (Bayrischer Wald). Von links: die beste Freundin von Gudrun, Heinrich Himmler, Tochter Gudrun, Ehefrau Margarete (Marga) Himmler und Pflegesohn Gerhard. Das Foto gehört der Dokumentensammlung an, die von der „Welt“ veröffentlicht wird.

„Ich fahre nach Auschwitz. Küsse, Dein Heini“, schrieb SS-Reichsführer Heinrich Himmler an seine Frau. Die 700 Briefe, die jetzt aufgetaucht sind, zeichnen das Bild eines peniblen deutschen Spießbürgers ohne jede Selbstreflexion.

Von der „Banalität des Bösen“ hat Hannah Arendt in ihren berühmten Aufzeichnungen über den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem geschrieben. Sie schildert den Organisator des Holocaust darin als normalen Menschen, der sein Gewissen an eine höhere Macht abgetreten hat und bis zum Ende darauf beharrt, dass er nur seine Pflicht erfüllt habe.

Die Briefe von Heinrich Himmler an seine Frau Marga, die in Israel aufgetaucht sind und jetzt von der „Welt“ veröffentlich werden, geben einen anderen Einblick. Sie zeigen den Chef der SS, der Geheimen Staatspolizei und zentralen Verantwortlichen des Holocausts als Privatmann, als Ehemann und Vater. Und: Die Banalität des Bösen wird allein durch das deutlich, was Himmler verschweigt.

Kein Wort verliert er in den Briefen über die Monströsität seiner Taten, die Hölle der Konzentrationslager, die Ermordung von sechs Millionen Juden. „Ich fahre nach Auschwitz. Küsse, Dein Heini“, heißt es in einem Brief. Oder: „Ich werde in den nächsten Tagen in Lublin, Zamosch, Auschwitz, Lemberg sein und dann im neuen Quartier. Bin neugierig, ob und wann es dann mit dem Telefonieren geht. (...) Viele herzliche Grüße und Küsse! Dein Pappi!“

Ein Porträt Heinrich Himmlers.

Himmlers Briefe stammen dem Bericht zufolge aus der Zeit von 1927 bis 1945. Der Schriftwechsel belegt die Gefühllosigkeit des NS-Verbrechers, was seine Arbeit angeht, und die Gefühle, die ihn mit seiner sieben Jahre älteren Frau verbinden. Er selbst beschreibt sich in den frühen Briefen gerne als „wild“, „rau“ oder „beese“ (böse), die Inszenierung als harter Mann wird von seiner Frau gerne aufgegriffen („dass ich so glücklich bin, einen so guten bösen Mann zu besitzen, der seine böse Frau so sehr liebt wie sie ihn“.)

Der Massenmord an den Juden wird nach Angaben der Zeitung komplett ausgespart, der Holocaust nirgends erwähnt. Redakteur Sven Felix Kellerhoff ist trotzdem davon überzeugt, dass Marga Himmler wusste, was ihr Mann tat. „Es besteht ganz offensichtlich ein völliges Einvernehmen zwischen den beiden.“ Auch wenn man es nicht beweisen könne, so sei er doch überzeugt, „dass sie genug gewusst hat, um nicht mehr wissen zu wollen“.

Dass auch Marga eine glühende Antisemitin war, zeigen ihre eigenen Aufzeichnungen. „Diese Judengeschichte, wann wird das Pack uns verlassen, damit man auch seines Lebens froh wird“, schreibt sie nach den Pogromen von 1938. Später kühlen die Briefe ab; Himmler hat eine Geliebte, mit der er auch zwei Kinder bekommt.

Muss das Bild von Heinrich Himmler nach Auswertung der Briefe revidiert werden? Auf keinen Fall, da sind sich alle Beteiligten einig. Himmler sei ein „penibler deutscher Spießer“ gewesen, sagt der Historiker Wolfgang Benz im Deutschlandfunk. Die Briefe hätten vielleicht einen Wert, wenn er sein Vorgehen reflektiert oder moralisch Rechenschaft abgelegt hätte. Aber: „Das wird er mit Sicherheit nicht getan haben und so besteht die Befürchtung, dass diese Briefe genauso banal sind, wie der Privatmann Heinrich Himmler banal gewesen ist.“

Von keinem anderen Mitglied der NS-Spitze gibt es bisher so viel private Dokumente wie jetzt von Heinrich Himmler. Die Sammlung enthält neben Briefen und Fotos auch Notizen – und ein Kochbuch. (dpa)

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