Fragen und Antworten: Ist Bargeld überflüssig?

Für die meisten Deutschen ist es selbstverständlich, kleinere und mitunter größere Einkäufe bar zu zahlen. Knapp 80 Prozent aller Transaktionen werden laut Bundesbank in Scheinen und Münzen abgewickelt.

Experten denken nun laut darüber nach, Bezahlen mit Bargeld sogar zu verbieten. Fragen und Antworten zum Thema.

Bargeld abschaffen - wer hat die Debatte angefacht?

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält Bargeld für veraltet und überflüssig. „Bei den heutigen technischen Möglichkeiten sind Münzen und Geldscheine ein Anachronismus“, sagte er dem Spiegel. Ähnliche Vorschläge haben US-Ökonomen wie der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kenneth Rogoff, oder Ex-Finanzminister Larry Summers gemacht. Lars Feld, auch er Wirtschaftsweiser und Berater der Bundesregierung, hat allen dreien aber prompt heftig widersprochen.

Warum soll es kein Bargeld mehr geben?

Befürworter einer bargeldlosen Wirtschaft nennen vorrangig zwei Gründe. Das erste Argument ist vergleichsweise einleuchtend: Bargeld werde für illegale Aktivitäten bevorzugt verwendet, etwa für das Reinwaschen von Drogengeld, bei Steuerhinterziehung oder Schwarzarbeit. Ein Bargeld-Stopp würde dem einen Riegel vorschieben. Das zweite Argument ist komplizierter, es geht um die Geldpolitik der Zentralbanken.

Was hat Bargeld mit Geldpolitik zu tun?

Geldpolitik funktioniert im Wesentlichen nicht über Bargeld, sondern über Buchgeld. Dazu gehören Spareinlagen und Bankkredite. Eine Zentralbank kann Spar- und Kreditzinsen in gewissem Umfang steuern, indem sie ihre Leitzinsen verändert. Im Euroraum sind die Zinsen extrem tief, sie liegen teils schon im Minus. Rutschen die Zinsen zu tief ins Minus, steigt für Verbraucher und Unternehmen der Anreiz, Geld nicht mehr aufs Konto zu stellen, sondern in Münzen und Scheinen zu horten. Das heißt umgekehrt: Bargeld begrenzt die Möglichkeiten einer Notenbank, in Krisen die Wirtschaft durch Negativzinsen, also superbilliges Geld, anzuschieben.

Ist das Ganze nur eine rein wissenschaftliche Debatte? 

Ja und Nein. In der deutschen Politik gibt es bisher keine große Diskussion über die Abschaffung von Bargeld. Auf der anderen Seite gibt es in Ländern, in denen Bargeld eine geringere Rolle als bei uns spielt, Entwicklungen in diese Richtung. Dänemarks Regierung will den gesetzlichen Zwang zur Annahme von Bargeld - den es auch in Deutschland gibt - lockern. Einzelhändler, Tankstellen und Restaurants sollen ab 2016 Scheine oder Münzen ablehnen und auf Karte beharren dürfen.

Was sagen Kritiker zur Idee, das Bargeld abzuschaffen? 

Sie sagen, dass nicht allein Bargeld für illegale Aktivitäten verwendet wird, dass es auch andere Zahlungsmittel gibt. Häufig werden die Bitcoins genannt - das ist eine virtuelle Internetwährung, die nicht von Zentralbanken ausgegeben wird und sich ihrer Kontrolle entzieht. Mit Blick auf die Geldpolitik wird argumentiert, eine Abschaffung des Bargelds diene vor allem dazu, den Notenbanken ihren extrem lockeren und - so Kritiker - verfehlten Krisenkurs zu erleichtern.

Wie muss man sich das vorstellen? 

Eine Folge sehr niedriger oder gar negativer Zinsen ist ja, dass Sparer belastet und Kreditnehmer entlastet werden. In der Schweiz scheinen Großanleger wie Rentenkassen wegen des dort stark negativen Leitzinses zu überlegen, größere Beträge in bar zu horten. Mit Abschaffung des Bargelds würde ihnen und normalen Sparern die Möglichkeit genommen, einer Entwertung ihrer Guthaben auszuweichen. (dpa)

Hier lesen Sie alles zur Geschichte des Bargelds.

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