Reiseleiter zu Griechenlandkrise: „Mussten Automaten suchen, die noch Geld haben“

Nick Placzek (33), seit Jahren Reiseleiter in Griechenland, sagt, dass Reisende jetzt Schnäppchen machen können - aber nur, wenn sie auch bereit sind, Abenteuer in Kauf zu nehmen.

Placzek ist gerade aus Griechenland zurückgekehrt. Mehr als drei Wochen war er als Reiseleiter quer durchs Land von Korfu in der südlichen Adria nach Thassos in der nördlichen Ägäis unterwegs. Volontärin Marie-Therese Gewert sprach mit ihm über die Auswirkungen der katastrophalen Überschuldung des Landes.

Herr Placzek, wie haben Sie die Krise in Griechenland erlebt? 

Nick Placzek: Wir hatten anfangs den Eindruck, dass es in den deutschen Medien einen viel größeren Aufschrei gab. Bei den Griechen war die Krise noch gar nicht angekommen, obwohl wir in Deutschland vor Lücken in der Infrastruktur gewarnt wurden. Er sprach mit uns über die Auswikrungen der katastrophalen Überschuldung des Landes.

Hatten Sie den Eindruck, dass es zu Engpässen kommt?

Placzek: Die Finanzinstitute gaben keine Banknoten mehr heraus. Wir mussten lange warten, bis die Automaten nachgefüllt wurden und suchten Automaten, die noch Geld haben. Es war schwierig, an Bargeld heranzukommen. Immerhin musste ich für die Gruppe einkaufen. Wir bekamen die Engpässe langsam an allen Ecken und Enden zu spüren.

Hier ist zu hören, dass es in Griechenland nicht genug Wechselgeld gibt. Stimmt das?

Placzek: In den letzten zwei Wochen unseres Aufenthalts hatte es im Einzelfall Probleme gegeben. Dann ist es hilfreich, in einer Gruppe unterwegs zu sein. Für einen Alleinreisenden kann das schwieriger werden.

Wie begegnen Griechen deutschen Touristen?

Placzek: Sie trennen Politik und Menschen. Ihnen ist bewusst, dass es politische Lager gibt. Doch das beziehen sie nicht auf Touristen. Wir wurden oft eingeladen und hatten nicht das Gefühl, dass uns Skepsis entgegenschlägt.

Fühlten sie sich sicher?

Placzek: Ich fühlte mich sehr sicher. In den Urlaubsregionen ist es ohnehin sicherer. Ich denke, das hängt mit der stolzen Kultur zusammen, die es einem ehrlichen Bürger nicht erlaubt, zu stehlen. Das käme einer eigenen Herabwürdigung und einem sozialen Abstieg gleich. Daran hat sich nichts geändert.

Touristen müssen keine Angst haben, mit viel Bargeld unterwegs zu sein? 

Placzek: In der Regel nicht. Ein ganz anderes Problem stellen organisierte Banden aus den Balkanstaaten dar, die auf den erhöhten Bargeldbestand von Touristen aufmerksam geworden sind.

Wie reagieren die Griechen auf Kriminalität? 

Placzek: Sie reagieren mit mehr Polizeistreifen und Kontrollen verdächtiger Personen. Delikte sind für Banden zumindest auf kleineren Inseln hochriskant, da die Fluchtmöglichkeiten sehr eingeschränkt sind. Wer noch einen Urlaub buchen möchte, hat wenig zu befürchten.

Haben die Hotels noch genug Verpflegung für die Gäste? 

Placzek: Wir hatten nicht den Eindruck, dass es einen Mangel an Lebensmitteln gibt. Ob sich das ändert, ist schwer zu sagen.

Sind die Fähren noch nach Plan gefahren? 

Placzek: Ja. Wir haben uns gewundert, weil die Fähren stark subventioniert sind. Ich habe drei Euro für die Überfahrt von der Hafenstadt Keramoti im Nordosten nach Limenas, der Inselhauptstadt Thassos bezahlt. Damit ist kein großer Gewinn zu erzielen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie den Verkehr bald reduzieren, um Treibstoff zu sparen.

Wie war der Rückflug? 

Placzek: Am Flughafen funktionierte alles ohne Probleme. Die Maschine wurde am Airport neu aufgetankt. Das wunderte mich, da ich davon ausgegangen war, dass die deutschen Fluggesellschaften bereits in Deutschland vorsichtshalber für beide Strecken aufgetankt hätten.

Wie schätzen Sie die Touristik in Griechenland ein? 

Placzek: Es war auffällig, dass in den Fliegern knapp ein Viertel bis ein Drittel der Plätze unbesetzt waren. Da können Urlaubsinteressierte momentan sicher Schnäppchen machen.

Was würden Sie Reiseinteressierten mit auf den Weg geben? 

Placzek: Wer gerne Individual-Urlaub macht, sich mit den Umständen abfindet, Bargeld mitnimmt, die Reiseapotheke aufstockt und den Mietwagen immer volltankt, auf den wartet ein Griechenland mit relativ leeren Stränden und griechischen Gastgebern, die sich selten so intensiv über jeden einzelnen Gast gefreut haben - auch aus Deutschland.

Zur Person 

Nick Placzek (33) wohnt in Hagen (Nordrhein-Westfalen). Er ist freier Mitarbeiter beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, selbständiger Musiker und nebenberuflicher Reiseleiter für die Saga-Team-Reisen in Wuppertal. Seit 2007 reist er mindestens einmal jährlich für mehrere Wochen durch Griechenland.

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