Bauern kritisieren Nahles: Mindestlohn zur Erntesaison praxisfern

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Ernten und protokollieren im Akkord: Die Landwirte sehen sich durch die Mindestlohnregelungen eingeschränkt: Dabei geht es auch um die Arbeitszeiten, die zehn Stunden nicht überschreiten dürfen. Die Landwirte halten das in Erntezeiten für unrealistisch.

Kassel. Seit diesem Jahr gilt in Deutschland der Mindestlohn. Mit Beginn der Spargelernte ächzen die Landwirte unter den Nebenwirkungen, die diese Regelung mit sich bringt. Vor allem wegen der Saisonarbeiter, die zur Spargel- und Erdbeerernte aus Osteuropa anrücken.

Dabei ist nicht der Lohn an sich das Problem - der erreicht für die Bauern ohnehin erst 2017 die 8,50 Euro - sondern seine Begleiterscheinungen. Heißt: Die Einhaltung der gesetzlichen Arbeitszeiten.

„Der bürokratische Aufwand ist zu hoch“, sagt Bernd Weber, Sprecher des hessischen Bauernverbandes. Die Arbeitszeit müsse jetzt genau protokolliert werden.

Und da fangen für die Betriebe die eigentlichen Probleme an: Gearbeitet werden darf bis zu zehn Stunden. Die Landwirte stecken damit in der Klemme. Denn wenn die Zeit drängt, müsste eigentlich länger gearbeitet werden. Sie fürchten jetzt die schärferen Kontrollen und Strafen, wenn Arbeitszeiten überschritten würden.

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Vorher wurden zwar auch Arbeitszeiten ausgemacht. Wenn der Spargel oder die Erdbeeren aber geerntet werden mussten, legte der Gastarbeiter auch mal eine Extra-Schicht an. Und lebte davon gut, sagen die Bauern. Das geht jetzt nicht mehr so leicht – auch das Gastgewerbe klagt darüber. Nicht das einzige Problem: Das Arbeitszeitgesetz sieht auch eine Pause zwischen den Arbeitszeiten von elf Stunden vor. „Elf Stunden, wer schläft denn so lang, das ist doch praxisfern, die Regelung passt nicht in der Landwirtschaft“, sagt Weber vom Bauernverband. Beim Landesbauernverband in Niedersachsen sollen größere Klagen noch nicht eingegangen sein. In verschiedenen Medienberichten sind ähnliche Probleme wie in Hessen nachzulesen.

Wegen des Mindestlohns in der Kritik: Ministerin Andrea Nahles (SPD). Foto: dpa

Bisher seien sieben bis acht Anfragen für Ausnahmeregelungen für längere Arbeitszeiten eingegangen, teilte Michael Conrad, Sprecher des Regierungspräsidiums Kassel, mit. In den vergangenen Jahren sei das nicht der Fall gewesen. Der Mindestlohn zeigt in diesem Bereich Wirkung.

Eine Genehmigung zur Verlängerung der Arbeitszeiten auf bis zu zwölf Stunden koste zwischen 100 und 500 Euro für einen Betrieb – das sei abhängig von Faktoren wie der Größe des Betriebs.

Ziemlich frustriert ist Manuel Klemme, Inhaber von Klemme Obstplantagen aus Grebenstein. Die mit dem Mindestlohn verbundenen Pflichten „sind Stasimethoden“, sagt Klemme. Er warte noch auf eine Antwort einer Sondergenehmigung aus dem RP. Die Saisonarbeiter kämen bei ihm aus Rumänien und Bulgarien. Die wollten häufig mehr arbeiten, aber dürften jetzt nicht. „In drei Monaten verdienen die hier das, was sie in einem Jahr in der Heimat nicht verdienen.“ Die Regelung sieht er als existenzgefährdend. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) äußerte sich kürzlich in einem Spiegel-Interview dazu: Der Mindestlohn bringe Praktiken ans Licht, die sich bisher keiner so genau angeschaut habe – wie den Verstoß gegen Arbeitszeiten. Aber sie habe auf Länderebene mit den Regierungen Verabredungen getroffen, um bei Erntehelfern Ausnahmen zu erlauben, über die zehn Stunden zu gehen.

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