Behinderten-WG: Auszug aus dem Hotel Mama

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Das eigene WG-Zimmer: Yasmin wohnt mit sechs Mitbewohnern in der betreuten Wohngemeinschaft in Korbach. 

Korbach. 57.600 behinderte, kranke und sozial benachteiligte Menschen wird der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) 2016 unterstützen. Eine Wohngemeinschaft in Korbach profitiert davon.

Es sind die üblichen Probleme einer Wohngemeinschaft: Wer hilft wie viel in der Küche, kaufen wir teurere Ökomilch und welche DVD wird abends geschaut? Doch diese WG in Korbach ist eine besondere. Fünf Frauen und zwei Männer im Alter zwischen 21 und 30 Jahren mit unterschiedlichen Behinderungen leben dort seit Anfang des Jahres zusammen. Und viel wichtiger: Sie bestimmen selbst, wie ihr Leben aussehen soll.

Am langen Holztisch in der WG-Küche gibt es nach der Arbeit in den Werkstätten Kaffee und Berliner - der Samstagsausflug ins Schwimmbad wird mit den Betreuern von der Lebenshilfe geplant. Der Plan für Sonntag steht auch schon: lange schlafen und spät frühstücken.

„Ich genieße es, alles allein entscheiden zu können.“

In der WG gibt es unterschiedliche Formen der Behinderungen: Geistige, körperliche, auch Autisten wohnen in der Gemeinschaft, die sich schon lange kennt. Das war eine Voraussetzung für das Projekt, das sich „Mitleben“ nennt, sagt Ralf Varchmin, sogenannter Teilhabemanager der Lebenshilfe. Er ist Organisator und Ansprechpartner des Wohnprojekts. Hessenweit ist „Mitleben“ laut Varchmin einzigartig.

Der Ursprung der Idee liegt länger zurück: Die Eltern lernten sich in einer Selbsthilfegruppe kennen - es folgten Ausflüge, bei denen sich auch die Kinder anfreundeten. Gemeinsam mit der Lebenshhilfe Korbach, dem Landeswohlfahrtsverband Hessen und der Hochschule RheinMain entwickelten die Beteiligten diese Wohnform.

Eigenes Zimmer, eigenes Bad

Die Herausforderung: Neben der Suche einer barrierefreien Wohnung, die unterschiedlichen Pflegebedürfnisse zu berücksichtigen. „Normalerweise handelt es sich bei den Bewohnern um Menschen, die klassisch stationär versorgt werden müssten“, sagt Varchmin.

Schließlich fand man eine Wohnung am Hanseplatz in Korbach, mitten in der Stadt. Auf 350 Quadratmetern hat seit Januar jeder sein eigenes, selbst gestaltetes Zimmer mit Bad, plus Gemeinschaftsraum mit Küche. Rund um die Uhr ist ein Betreuer vor Ort. Das Fazit von Bewohnern und Betreuern fällt positiv aus. Vor allem, „weil die Bewohner mehr am sozialen Leben teilnehmen können“, sagt Varchmin.

Nicht alles läuft immer reibungslos ab. „Es wird auch gestritten, wenn jemand morgens zu laut ist“, sagt Varchmin. Oder man ärgert sich gemeinsam über die zu lauten Nachbarn.

Für die Eltern war die Ablösung von den Kindern nicht ganz einfach. Jetzt steht einigen wieder eine Probe bevor: Yasmin feiert gemeinsam mit Mitbewohnerin Nele zum ersten Mal Weihnachten allein in der WG - ohne die Eltern.

„Ich genieße es, alles allein entscheiden zu können“, sagt die 21-jährige Yasmin. Mama und Papa finden es beide gut, dass ich ausgezogen bin, sagt sie. Papa, der auf einem Stuhl im Zimmer von Yasmin sitzt, nickt. „Aber besuchen dürfen wir doch?“, fragt er. „Alle dürfen kommen“, sagt Yasmin.

Kosten und Betreuung

Insgesamt sieht der Haushaltsentwurf des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen für das Jahr 2016 Aufwendungen von 1,86 Milliarden Euro vor. Der LWV übernimmt nach Angaben von Sprecherin Elke Bockhorst zwei Drittel aller anfallenden Kosten, die bei der psychosozialen Unterstützung im Bereich Wohnen - wie in der WG - anfallen. Ein Drittel werde von Pflege- und Krankenkasse übernommen. Die Miete fällt nicht darunter. Pro Person zahlt der LWV im Bereich Wohnen für die psychosoziale Unterstützung wie bei den WG-Bewohnern 29 000 Euro im Jahr aus. Hinzu kommt die Betreuung am Arbeitsplatz - sei es in einer Werkstatt für behinderte Menschen oder einem betreuten Arbeitsplatz in einem Betrieb. Dafür zahlt der LWV im Jahr 13.000 Euro pro Person oder 1080 Euro pro Monat. Darüber hinaus können noch weitere Leistungen übernommen werden.

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