Interview

Sexuelle Belästigung bei der Arbeit: So können Betroffene sich wehren

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Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hat nach einer aktuellen Studie jeder zweite Beschäftigte in Deutschland schon erlebt. Wir sprachen mit Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, darüber, wie man damit umgehen sollte.

Frau Lüders, Sie sind Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, wo fängt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz bereits an? 

Christine Lüders: Das ist relativ klar im Gesetz geregelt. Bei der sexuellen Belästigung geht es um unerwünschte Handlungen, nicht um einen einvernehmlichen Flirt. Wenn jemand sexuell übergriffig wird, sei es verbal oder in Form einer körperlichen Anmache, dann kann der Belästigte etwas dagegen unternehmen. Und der Arbeitgeber ist verpflichtet, seine Beschäftigten zu schützen.

Welche Formen kann sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz haben? 

Lüders: Das können Zoten mit sexuellem Inhalt sein, das können E-Mails oder SMS mit pornografischem Anhang sein. Es können Anmach-Sprüche sein, aber auch Blicke, die permanent auf den Ausschnitt gerichtet sind. Und natürlich auch unerwünschte Berührungen. All das kann das Arbeitsklima erheblich beeinflussen. Nochmal: Es geht hier nicht um Komplimente oder Flirts.

Steht hinter sexueller Belästigung immer auch zwingend ein sexuelles Interesse an der Person? 

Lüders: Entscheidend ist die Perspektive des Opfers. Für die Betroffenen ist es schon unangenehm genug, wenn Täter so etwas tun, egal welche Intention dahintersteckt. Auch wenn es „nur“ Sprüche sind, sind sie dennoch verletzend und gehen an die Würde der Person. Das Gesetz ist hier ganz eindeutig: Unerwünschte Belästigungen haben am Arbeitsplatz nichts zu suchen.

Was kann ich tun, wenn ich mich am Arbeitsplatz sexuell belästigt fühle? 

Lüders: Erste Anlaufstelle ist zunächst die Beschwerdestelle des Unternehmens. Unternehmen sind gesetzlich dazu verpflichtet, eine Beschwerdestelle zu haben - die sich mit dem Thema auch auskennen muss. Und die Arbeitgeber müssen Belästigungen ernst nehmen und reagieren - das kann für den Belästiger von der Abmahnung bis hin zur Kündigung gehen.

Was sollte der Arbeitgeber tun, um sexueller Belästigung vorzubeugen? 

Lüders: Für den Arbeitgeber gehört zu dem Schutz seiner Mitarbeiter auch, dass diese wissen, was sexuelle Belästigung ist. Noch viel wichtiger ist aber, dass der Arbeitgeber das Personal in den Anlaufstellen besser schult. Wir haben festgestellt, dass viele Personaler und Betriebsräte gar nicht wissen, welche Maßnahmen man im Fall einer sexuellen Belästigung ergreifen kann. Das ist fatal.

Wie sollte man den Kollegen, von dem man sich belästigt fühlt, auf sein Verhalten ansprechen? 

Lüders: Wir raten jedem, der Person direkt zu sagen, dass man sich durch sein oder ihr Verhalten belästigt fühlt, und dass man sich diese Form der Belästigung nicht mehr wünscht. Wenn der Gegenüber darauf nicht eingeht, sollte man Konsequenzen ankündigen. Wichtig ist es, Belästiger klar abzuweisen. Denn in vielen Fällen deuten sie ein Nicht-Wehren als stille Duldung.

Wie lässt sich eine sexuelle Belästigung im Zweifel beweisen? 

Lüders: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Belästiger oft Wiederholungstäter sind. Wir raten daher Betroffenen, sich im Kollegenkreis auszutauschen. Oft geschehen Belästigungen in der Vier-Augen-Konstellation. Dann raten wir den Personen ein Protokoll anzufertigen, in dem steht, was wann wie oft gesagt oder getan wurde.

Wie unterscheidet sich die Form der Belästigung bei Männern und Frauen? 

Christine Lüders

Lüders: Bei Männern sind es eher Bemerkungen und E-Mails, bei Frauen geht es mehr ins Physische. Bei Frauen ist es zudem häufig so, dass der Belästiger eine Hierarchiestufe höher sitzt. Klar ist aber: Männer sind fast immer die Täter.

Viele haben allerdings Angst das Thema anzusprechen. 

Lüders: Natürlich. Ich plädiere dafür, dass so etwas in Personalversammlungen diskutiert wird. So ließe sich im Vorfeld ganz vieles aus der Welt schaffen, ohne dass man das Gesetz braucht. Hier geht es um Aufklärung und um das Wissen, was Betroffene konkret unternehmen können.

Zur Person

Christine Lüders (61) leitet seit Februar 2010 die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Zuvor war sie unter anderem Referatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Beauftragte für Stiftungen im Kultusministerium in Hessen. Die studierte Pädagogin ist verheiratet und lebt in Berlin und Frankfurt, wo sie auch geboren ist.

Lesen Sie dazu auch:

- Kommentar zu sexueller Belästigung im Job: Eine Frage des Respekts

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