Kritik auch an Zuwanderern

„Bemerkenswerte Ignoranz“: Islamforscher greift Merkel und Seehofer an

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Der Islamforscher Bassam Tibi in einer Talkshow der ARD. 

Deutschland benötige eine kritische Islamdebatte, aber die werde von der Politik unterdrückt, sagt Bassam Tibi. Vor allem das Verhalten der Kanzlerin und ihres Innenministers rügt der Islam-Experte. 

Zürich/Berlin - Deutschland braucht eine kritische Islamdebatte, sagt der Islamforscher Bassam Tibi. Doch bei der Integration und Migration in Deutschland stellt Tibi schwere Mängel fest. Muslime bekämen kaum identitätsstiftende Angebote, zudem werde die Debatte über den Islam in Deutschland nicht ehrlich und nicht differenziert genug geführt, sagte Tibi der Neuen Zürcher Zeitung in einem Interview. 

In Deutschland herrsche „eine Atmosphäre der Selbstzensur“, kritische Stimmen in der Bevölkerung würden von Politik und Medien ausgeblendet, so der syrischstämmige Wissenschaftler. Der Streit darüber, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht, berücksichtige nicht die Vielfalt dieser Religion. „Den Islam“ gebe es nicht, so Tibi. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Innenminister Horst Seehofer attestierte der Forscher „eine bemerkenswerte Lässigkeit und Ignoranz. Beide reden letztlich am Gegenstand vorbei.“

„Das liegt nicht nur an den Einwanderern, sondern auch an den Deutschen“

Tibi lehrte an der Universität Göttingen, prägte unter anderem vor zwei Jahrzehnten den Begriff der „europäischen Leitkultur“. Eine kritische Debatte zum Islam gebe es derzeit vor allem deshalb nicht, weil die Politik sie unterdrücken würde. Aber auch der Wille zur Integration und die Bereitschaft, Muslime zu integrieren, seien sehr überschaubar. 

Lediglich zehn Prozent der Muslime in Deutschland seien beruflich und gesellschaftlich eingegliedert: „Neunzig Prozent leben in einer Parallelgesellschaft. Die meisten möchten auch gar nicht dazugehören.“ In Berlin gebe es libanesische, türkische und kurdische Parallelgesellschaften, in Cottbus eine syrische. „Das liegt nicht nur an den Einwanderern, sondern auch an den Deutschen“, so Tibi. 

„Bitte, hier ist die Tür“

Die deutsche Verwaltung definiere Integration als Registrierung, Alimentierung, häusliche Unterbringung und bestenfalls Sprachkurse. Allerdings bedeute Integration, so Tibi, „dass man eine Bürgeridentität annimmt.“ Zu einer Heimat gehöre Identität. „Wenn dieser Faktor ausgeschlossen wird, bleibt nichts. Da steckt aber das deutsche Problem: Es gibt kein Identitätsangebot.“

Die Anerkennung des deutschen Wertesystems durch die Muslime sei letztlich entscheidend, betont Tibi. „Als ehemaliger Ausländer sage ich: ‚Wer die Grundwerte nicht akzeptiert, soll gehen. Bitte, hier ist die Tür.`“

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fmü

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