Neuköllns Bürgermeister hat Angst vor "asymetrischer Gesellschaft"

Heinz Buschkowsky

Berlin. Es sind nicht Parallelgesellschaften, geschaffen von Zuwanderern in Deutschland, vor denen sich der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), fürchtet. Es ist eine „asymmetrische Gesellschaft“, die ihm Sorge bereitet.

In Buschkowskys Worten: eine Gesellschaft, in der sich Bevölkerungsteile voneinander absondern, in der es keine Bindeglieder mehr gibt, stattdessen nur noch ein „Die da“ und „Wir hier“.

Diese „andere Gesellschaft“ hat der 66-Jährige in seinem Bezirk ausgemacht, sie ist titelgebend für sein gestern erschienenes neues Buch. Eine andere Gesellschaft entstehe dort, wo alle Dinge des täglichen Lebens in der Heimatsprache abgewickelt werden können und zudem eigene Normen und verbindliche Verhaltensweisen entwickelt würden. Dies geschehe in Neukölln in der türkisch- und arabischstämmigen Bevölkerung über einen fundamentalistisch geprägten Islam. Deutsch ist da nicht nötig.

Der SPD-Politiker hatte die vielen Probleme in seinem Bezirk mit hohem Ausländer- und Hartz-IV-Empfänger-Anteil bereits 2012 beschrieben. In seinem ersten Buch „Neukölln ist überall“ kritisierte Buschkowsky Defizite der Integrationspolitik. Mitschuld daran seien viele Politiker, die jahrelang weggeschaut und die Probleme kleingeredet hätten. Political Correctness löse keine Probleme.

Nun lenkt Buschkowsky das öffentliche Augenmerk auf die aus seiner Sicht latente Gefahr aus „dieser anderen Gesellschaft“, aus der eine echte Bedrohung für die Werteordnung unseres Landes werden könne. Als „Bunsenbrenner“ diene dabei die eigentlich recht kleine Gruppe der Salafisten. Diese radikale Richtung sieht eine islamische Ordnung mit islamischer Rechtsprechung (Scharia) als einzig legitime Staats- und Gesellschaftsform an.

Bekämpfen müsse man dies mit mehr Bildung, so der Neuköllner Bürgermeister. Nur so könnten junge Menschen, eine „Hornhaut gegen fundamentalistische Heilsjünger“ entwickeln. Buschkowskys Rezept: Jeder Lehrer sollte zum Berufsstart an eine Schule in einem sozialen Brennpunkt geschickt werden. Wer bleibe, müsse mehr verdienen.

Schulen sollten sich ihre Lehrer selbst aussuchen können, der Staat sollte Familien von Schulschwänzern staatliche Leistungen kürzen. Dass der Besuch eines Kindergartens zur Pflicht werden muss, davon ist Buschkowsky überzeugt. Extrem kritisiert der Sozialdemokrat jene Abgeordneten, die fürs Betreuungsgeld gestimmt haben, also für eine staatliche Prämie fürs Fernbleiben vom Kindergarten.

Einen Großteil der gut 300 Seiten machen Nacherzählungen vieler Gespräche aus, die der Bürgermeister in seinem Viertel und mit Fachleuten geführt hat. Buschkowsky hat mit Gymnasiasten, Hauptschülern und Schulabbrechern gesprochen, mit einem Intensivtäter, einer streng religiösen arabischstämmigen Familie, mit Sozialarbeitern, Eltern, ehemaligen Salafisten, zwangsverheirateten Frauen und arabischen Großclans.

So spannend diese Geschichten sein mögen, Buschkowsky verliert sich darin. Die Begründung seiner These, dass sich in Deutschland eine andere Gesellschaft entwickelt, geht fast unter. Man muss aufmerksam lesen, um diesen recht kurzen Teil nicht zu überlesen. (dpa)

• Heinz Buschkowsky: Die andere Gesellschaft. Ullstein. 300 Seiten. 19,99 Euro.

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