„Unkalkulierbare Risiken“

Berlin und Paris dringen nach Start von türkischer Offensive auf Ende der Kämpfe

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Drei Lastwagen, darunter einer mit einem türkischen Panzer auf dem Anhänger, fahren am 21.01.2018 auf einer Straße in Kilis (Türkei) nahe der syrischen Grenze.

Deutschland und Frankreich haben nach dem Beginn der türkischen Militäroffensive in der nordsyrischen Kurdenregion Afrin auf ein Ende der Kämpfe gedrungen.

Berlin/Paris - Deutschland und Frankreich haben nach dem Beginn der türkischen Militäroffensive in der nordsyrischen Kurdenregion Afrin auf ein Ende der Kämpfe gedrungen. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) warnte am Sonntag vor "unkalkulierbaren Risiken" der militärischen Konfrontation. Die französische Verteidigungsministerin Florence Parly forderte, die Kämpfe müssten "gestoppt" werden. Die USA riefen die Türkei zur "Zurückhaltung" auf. 

Die Türkei hatte am Samstag die Boden- und Luftoffensive "Operation Olivenzweig" gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in der Region Afrin gestartet. Ankara sieht die YPG als Terrororganisation an. Die Kurdenkämpfer sind aber wichtige Verbündete des Westens im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). 

"Das Letzte, was Syrien braucht, sind weitere militärische Konfrontationen." 

"Beide Seiten, die jetzt gegeneinander kämpfen, haben große Anstrengungen im Kampf gegen den Terror des IS unternommen und dabei große Opfer gebracht", erklärte Gabriel. "Das Letzte, was Syrien braucht, sind weitere militärische Konfrontationen." 

Die französische Verteidigungsministerin Parly forderte im Sender France 3 eine Rückkehr zum "Wesentlichen". "Das ist der Kampf gegen den Terrorismus." Die türkische Militäroffensive würde die kurdischen Einheiten binden, welche die IS-Miliz bekämpfen würden. Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian forderte eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats. 

Das US-Außenministerium forderte die Türkei am Sonntag auf, "Größe und Dauer" der Offensive zu beschränken. Auch müssten zivile Opfer vermieden werden. "Alle Parteien" müssten sich zudem auf den Kampf gegen den IS konzentrieren. Bereits am Samstag hatte Russland die Türkei zur Zurückhaltung aufgefordert. Moskau zog zudem russische Soldaten aus der umkämpften Region ab. US-Soldaten gibt es in dem Gebiet nach Angaben der türkischen Regierung nicht. 

Das iranische Außenministerium erklärte, es sei "besorgt" über die Militäroffensive und hoffe auf deren "sofortiges" Ende. Zugleich rief der Iran, ein Unterstützer von Syriens Machthaber Baschar al-Assad, Ankara dazu auf, im Syrien-Konflikt eine "konstruktive Rolle" zu spielen. 

Türkische Armee rückte am Sonntag weiter vor

Die türkische Armee rückte am Sonntag weiter vor, unter anderem überquerten Panzer die türkisch-syrische Grenze. Regierungschef Binali Yildirim sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Dogan, Truppen seien am Morgen in von den Kurden kontrollierte Gebiete vorgedrungen. Auch die Luftangriffe wurden fortgesetzt. Dabei wurden nach Angaben der türkischen Armee 45 Ziele zerstört. 

Kurdenvertreter und die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärten, seit Beginn der Offensive seien 18 Zivilisten getötet worden. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu bezeichnete dies auf dem Kurzbotschaftendienst Twitter als "Propaganda" und "Lügen". Die Kurden würden tote "Terroristen" zeigen und behaupten, es handle sich um Zivilisten. 

Als mutmaßliche Vergeltungsangriffe für die Militäroffensive wurden von Syrien aus mehrere Raketen auf die Türkei abgefeuert. In der türkischen Grenzstadt Reyhanli wurde dabei nach Angaben des Bürgermeisters ein syrischer Flüchtling getötet, 32 weitere Menschen wurden demnach verletzt. Raketeneinschläge in der Grenzstadt Kilis verletzten dagegen niemanden. 

Recep Tayyip Erdogan warnt vor Demonstrationsaufrufen gegen die Militäroffensive

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan äußerte am Sonntag bei einer Rede die Hoffnung, dass die Militäroffensive "in sehr kurzer Zeit" beendet werden könne. Zugleich warnte er davor, Demonstrationsaufrufen prokurdischer Kräfte gegen die Militäroffensive zu folgen. Teilnehmer von Kundgebungen würden einen "hohen Preis" bezahlen. 

Die Polizei ging in Istanbul gegen Demonstranten vor, die gegen die Militäroffensive protestieren wollten. Es gab mehrere Festnahmen, wie ein AFP-Fotograf berichtete. Auch im kurdisch geprägten Südosten des Landes wurde eine geplante Protestaktion unterbunden. 

Derweil verurteilte Assad die Militäroffensive als "brutale türkische Aggression". Diese laufe auf eine "Unterstützung terroristischer Organisationen" hinaus. Das Außenministerium in Damaskus bewerte das Vorgehen als einen "erneuten türkischen Angriff auf Syriens Souveränität".

AFP

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