Leipziger Nikolaikirche

Interview: Christoph Wonneberger über sein Leben als oppositioneller Pfarrer

Kassel/Leipzig. Christoph Wonneberger gehörte zu den Pfarrern der Leipziger Nikolaikirche, im Sommer 1989 einem Zentrum der immer stärker werdenden Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Für dieses Engagement werden Wonneberger und andere am 24. Juni mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet.

Herr Wonneberger, wie war die Stimmung damals, kurz vor der Wende, in Leipzig?

Christoph Wonneberger: Für mich war diese Stadt schon immer etwas freier, nicht so königstreu wie ich beispielsweise die Dresdner empfand. Hatte man in Dresden eine andere Meinung, fand man sich schnell in einer Nische wieder.

Wie kam es dazu, dass sich eine oppositionelle Bewegung innerhalb der Kirchenmauern formierte?

Zur Person

Christoph Wonneberger (70), in Wiesa im Erzgebirge geboren, erwarb 1965 den Facharbeiterabschluss als Maschinenschlosser. Während seines Theologiestudiums an der kirchlichen Hochschule sowie an der staatlichen Universität in Rostock unterschrieb er unter Druck kurzzeitig als Inoffizieller Mitarbeiter (IM), distanzierte sich jedoch schriftlich sofort nach dem Gerichtsverfahren.

• Von 1977 bis 1984 war er Pfarrer der Dresdner Weinbergskirchgemeinde, dann Pfarrer der evangelischen Lukasgemeinde im Stadtteil Volkmarsdorf. Die Gründung der oppositionellen Arbeitsgruppe Menschenrechte brachte ihn seit Anfang 1987 in weitere schwere Konflikte mit staatlichen und kirchlichen Stellen.

• Seit 1986 koordinierte Wonneberger die wöchentlichen Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche im Auftrag des Superintendenten Leipzig-Ost.

• Christoph Wonneberger lebt in Leipzig. Er hat eine Tochter und einen Sohn. In seiner Freizeit fährt er gerne Rad und genießt es, herumzukommen.

Wonneberger: Opposition hieß das bei uns nicht. Angefangen hatte alles mit einer Friedensgruppe, die etwas gegen die Bedrohung des Kalten Krieges tun wollte. Umweltaktivisten und Menschenrechtler kamen erst später dazu. So formierten sich Stück für Stück etwa 25 verschiedene Gruppen. Heute denke ich, ohne den äußeren Druck durch den Staat wären die vielen verschiedenen Ansichten damals stärker aufeinandergeprallt.

Warum organisierten sich diese Gruppen in der Kirche?

Wonneberger: Die Menschen hatten die Kirche als halb geschützten Ort für sich entdeckt, als eine Basis um auszubrechen. Flucht in den Westen war jedoch nicht für alle das Ziel.

Was war mit denen, die etwas verändern wollten? 

Wonneberger: Die meisten wollten das Bestehende erst einmal verbessern. Themen wie Freiheit, Menschenrechte und die Umwelt wurden zunehmend wichtiger. Das Ziel war nicht, alles analog dem Westen zu gestalten.

Was haben Sie im Sommer 1989 von den beginnenden Flüchtlingsbewegungen mitbekommen?

Wonneberger: Ich würde die Ausreisewilligen von damals nicht Flüchtlinge nennen. Viele hatten selbst gewählt zu gehen – nachdem sie erkannt hatten, dass sie zu angepasst waren, ein falsches Konzept verfolgten und letztlich zu wenig taten, um etwas zu verändern.

Hatten Sie persönlich keine Angst, sich aufzulehnen?

Wonneberger: Ende der 80er-Jahre nicht mehr. Die Strafmethoden waren zu dieser Zeit schon moderater. In den 50ern gab es für alles sofort Gefängnis, in den 60ern drohte Berufsverbot. Ab dem Zeitpunkt aber, da die DDR versuchte in Europa mitzuspielen, wurden Aufwiegler immer häufiger in den Westen abgeschoben.

Fühlten Sie sich als oppositioneller Pfarrer einsam?

Wonneberger: Nein, einsam fühlte ich mich niemals. Wir hatten immer viel zu tun, die Vernetzung mit anderen Aktiven aufrecht zu erhalten. Ständig brauchte es neue Ideen. Man musste sich immer wieder auf andere Methoden und Wege einlassen, um mit Gleichgesinnten zu kommunizieren.

War Ihnen bewusst, welche geschichtliche Bedeutung die Bewegung haben würde?

Wonneberger: Nein. Es war zwar zu spüren, dass sich der „aufrechte Gang“ lohnt. Dass jedoch so viele Menschen in so kurzer Zeit ihre Scheu vor den Staatsorganen verlieren würden, ahnte niemand.

Wie sahen Sie ihre Rolle als Pfarrer?

Wonneberger: Ich war gern Pfarrer. Ich habe mich einfach nie mit dem Zweitbesten zufrieden gegeben. Weder ich noch mein Glaube haben sich jemals in Konfessionen pressen lassen. In der Hauptsache fühlte ich mich immer als Verteidiger der Menschenrechte.

Im Oktober 1989 erlitten Sie einen Schlaganfall. Sehen Sie einen Zusammenhang mit ihrer damaligen Arbeit?

Wonneberger: Ich habe oft wenig Rücksicht auf mich selbst genommen. Manchmal ist der Körper eben klüger als der Geist.

Sie hatten damals ihre Sprache verloren.

Wonneberger: Ich sehe es als Lektion in Demut, auf die ich heute nicht mehr verzichten möchte.

Hintergrund: Montagsgebete und -Demonstrationen

In Leipzig schlossen sich die Montagsdemonstrationen ab dem 4. September 1989 an die Friedensgebete in der Nikolaikirche an, die seit Mitte der 1980er Jahre von den Pfarrern Christian Führer und Christoph Wonneberger koordiniert wurden. Der Termin der Friedensgebete in der Nikolaikirche, montags um 17 Uhr, erwies sich als geschickt gewählt. Er erlaubte einerseits die Teilnahme an Gebet und Demonstration, ohne der Arbeit fernzubleiben – während SED-Mitglieder durch ihre montäglichen Parteiversammlungen gebunden waren. Andererseits lag er auch vor der Ladenschlusszeit der Leipziger Innenstadt, so dass es relativ gefahrlos war, sich dort aufzuhalten.

Außerdem ermöglichte er den westdeutschen Fernsehsendern den Beginn der Demonstrationen regelmäßig in die Hauptnachrichtensendungen zu übernehmen und die Bürger so zu informieren.

Die Montagsdemonstrationen waren ein bedeutender Bestandteil der friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989.

Von Diana Surina

Rubriklistenbild: © dpa

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