Roland Jahn, DDR-Oppositioneller und Stasiakten-Behördenchef, über den Bau der Mauer

Interview zum Mauerbau: „Ein unmenschliches Verbrechen“

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Das DDR-Regime zeigt sein Gesicht: Grenzsoldaten und Volkspolizisten bergen am 17. August 1962 den leblosen Körper des 18-jährigen Ostberliners Peter Fechter. Der Maurergeselle war beim Überklettern der Mauer in unmittelbarer Nähe des Checkpoints Charlie von DDR-Posten niedergeschossen worden und lag um Hilfe rufend im Grenzstreifen. Auch US-Soldaten erhielten keine Genehmigung zum Eingreifen. Nach einer Stunde war Fechter verblutet und wurde endlich geborgen. Nach der Wende wurden zwei Mauerschützen 1997 des Totschlags für schuldig befunden und zu Haftstrafen von 20 bzw. 21 Monaten verurteilt. Die Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Am 13. August vor 50 Jahren errichtete das SED-Regime die Berliner Mauer und vertiefte damit die deutsche Teilung. Fragen zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte an Roland Jahn, den neuen Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde.

Herr Jahn, was bedeutete die Mauer für Sie persönlich?

Roland Jahn: Als Kind des Jahrgangs 1953 bekam ich durch die Eltern mit: Jetzt ist das letzte Schlupfloch in den Westen dicht. Später hieß es dann: Nun haben wir keine freie Entscheidung mehr über unser Leben, jetzt muss man sich einrichten in der DDR.

Im Osten - und manchmal auch im Westen - wurde damals argumentiert: Die DDR musste ja was gegen das Ausbluten machen, sie hatte zur Mauer keine Alternative. War das denn völlig verkehrt?

Jahn: Ich kann dieses Argument nachvollziehen, wenn ich mir die Lage mit den wachsenden Flüchtlingszahlen Mitte 1961 anschaue. Aber ich kann es keinesfalls akzeptieren. Dass an der Mauer Menschen kaltblütig erschossen wurden, ist durch überhaupt nichts zu rechtfertigen.

Aber es wird immer wieder versucht ...

Jahn: Wer das auch heute noch tut, sollte endlich seine Haltung hinterfragen und eingestehen, dass der Mauerbau ein unmenschliches Verbrechen war.

Neun Jahre nach dem Mauerbau setzten viele Deutsche ihre Hoffnungen auf die Treffen zwischen den Regierungschefs Willy Brandt und Willi Stoph 1970 in Erfurt und Kassel. Empfanden auch Sie das so?

Jahn: Ja, natürlich. Freunde berichteten mir aus Erfurt, wie immer wieder gerufen wurde „Willy Brandt ans Fenster“. Um so ernüchternder ist heute ein Blick in die Stasi-Akten.

Wieso?

Jahn: Wir wissen heute, dass die beiden Treffen unter starkem Einfluss der Stasi standen. Sie sah in den Treffen vor allem eine Auseinandersetzung mit dem Gegner. Überwachungsmaßnahmen für Erfurt, persönlich angeordnet von Stasi-Minister Erich Mielke, standen unter der Überschrift Konfrontation, für Kassel hießen sie Konfrontation II. So war in Kassel die Journalistengruppe der DDR durchsetzt mit Inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi. Die Inhalte von Informationsgesprächen, die DDR-Journalisten mit westdeutschen Politikern am Rande des Treffens führten, wurden sofort an die offizielle DDR-Delegation weitergemeldet, damit diese auf westliche Vorstöße reagieren konnte.

Viele Menschen in Ost und West hatten sich mit der Existenz der Mauer ebenso arrangiert wie mit den undemokratischen Verhältnissen in der DDR. Wie haben Sie als Oppositioneller das empfunden?

Jahn: Ich bin nicht als Oppositioneller zur Welt gekommen. Ich wurde als Kind in die DDR hineingeboren und habe mich einige Jahre in ihren Bahnen bewegt, war bei den Jungen Pionieren und der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und habe meinen Wehrdienst abgeleistet. Ich habe zunächst auch akzeptiert, dass man sich für einen bestimmten beruflichen Weg anpassen musste an das politische System.

Wie lange haben Sie mitgemacht?

Jahn: Von Jahr zu Jahr wurde mir bewusster, dass der Weg der DDR ein Irrweg war. Anfang 1977 wurde ich wegen einer kritischen Meinungsäußerung prompt von der Universität geworfen. Mir wurde demonstriert, wie Diktatur funktioniert: 13 Kommilitonen aus meiner Seminargruppe klopften mir auf die Schulter und sagten: „Roland, wir stehen zu dir.“ Aber am nächsten Tag stimmten sie alle gegen mich. Das war ernüchternd.

Wir erleben immer wieder eine Verklärung der Verhältnisse in der DDR. Woher rührt das?

Jahn: Weil viele nicht wahrhaben möchten, dass sie einen Anteil daran hatten, dass diese Diktatur so lange existieren konnte. Und weil es heute schwierig ist, sein ganzes Leben infrage zu stellen. Dennoch möchte ich jedermann auffordern, sich zur eigenen Biografie und zur persönlichen Rolle in der Diktatur zu bekennen. Ich bin guter Hoffnung, weil eine junge Generation heranwächst, die die Älteren fragt: Ihr habt doch die Missstände im Land gesehen, Ihr wusstet doch, dass die Propaganda im Gegensatz zur Wirklichkeit stand - aber warum habt ihr nichts dagegen getan?

Was kann Ihre Behörde zu diesem Prozess beisteuern?

Jahn: Wir haben die große Chance, mit den Stasi-Unterlage vieles aufzuklären. Die Akten zeigen uns, wer in diesem System welche Rolle gespielt hat. Wir können deutlich machen, wie der Mechanismus der Diktatur funktioniert hat. So können wir in sachlicher Art und Weise Diskussionen befördern.

Ein immer wieder gehörter Vorwurf lautet, die Arbeit der Stasiakten-Behörde reiße alte Wunden auf. Was halten Sie dem entgegen?

Jahn: Das Gegenteil ist der Fall. Aufklärung ist die Grundlage für Versöhnung. Barmherzigkeit führt über den bitteren Weg der Erkenntnis. Auf unsere Arbeit übertragen heißt das: Die Täter müssen die Karten auf den Tisch legen. Nur dann können die Opfer ihnen verzeihen. Aufklärung ist nicht rückwärtsgewandt, sondern stärkt das Bewusstsein für Demokratie.

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