Kommunisten Gespräche mit Walesas Gewerkschaft aufnehmen

Auf dem Weg zum Mauerfall: Gespräche in Polen

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Polens Oppositionelle und kommunistische Machthaber an einem Tisch: (von links) Arbeiterführer Lech Walesa, Präsident Wojciech Jaruzelski, Walesa-Berater Bronislaw Gerek und Ministerpräsident Mieczyslaw Rakowski am 18. April 1989 in Warschau.

Die Ereignisse, die vor 25 Jahren zum Fall der Mauer und Zusammenbruch der kommunistischen Systeme führten, sind ohne die Entwicklungen in der Sowjetunion, in Polen und in Ungarn nicht denkbar. In diesem Teil unserer Serie beleuchten wir die Ereignisse in jenen drei Ostblockstaaten.

Vor dem Eingang des Hauptquartiers der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc in Danzig stehen heute zwei Mauer-Fragmente. Das eine stammt aus Berlin, das andere ist Teil der Umfassungsmauer der Danziger Lenin-Werft, über die 1980 der junge Lech Walesa hinwegmarschierte. „Die erste Mauer, die fiel, wurde 1980 auf den Danziger Werften eingerissen“, sagt der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft Solidarnosc heute. „Später kamen dann die symbolischen Mauern an die Reihe, und die Deutschen brachten in Berlin die richtige Mauer zum Einsturz."

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Ohne die polnische Freiheitsbewegung hätte es den Mauerfall nie gegeben, gibt sich Walesa überzeugt. Und damit ist er nicht allein: Viele seiner Landsleute kränkt es bis heute, dass die Rolle Polens bei der Erschütterung des sowjetkommunistischen Machtsystems in der öffentlichen Wahrnehmung kaum Beachtung findet. „Die Polen haben sich immer gegen die Kommunisten aufgelehnt und sie 1980 das erste Mal gezwungen, auf Gewalt zu verzichten“, erklärt Janusz Sniadek, der Nachfolger Walesas als Vorsitzender der Gewerkschaft Solidarnosc. Damals gingen die Demonstranten so massenhaft auf die Straßen, dass das Regime nur noch die Wahl hatte, ein Blutvergießen anzurichten oder zu verhandeln. So schloss man mit der Solidarnosc einen Vertrag - das Prinzip des runden Tisches war erfunden.

„Die Solidarnosc war der Tropfen, der das Fass der Freiheit füllte“, sagt Sniadek. Der Alleinherrschaftsanspruch der Machthaber bröckelte durch die Hartnäckigkeit, mit der die Gewerkschaften gegen den Kommunismus ankämpften. Acht weitere Jahre widersetzte sich Solidarnosc erfolgreich allen Versuchen des Regimes, sie zum Schweigen zu bringen oder zu korrumpieren. Ende der 80er-Jahre waren schließlich zehn Millionen Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung Teil der Bewegung.

Die Solidarnosc war es auch, die den kommunistischen Machthabern Anfang April 1989 während zäher Verhandlungen am runden Tisch (Foto) halbfreie Wahlen abrang. Lediglich 35 Prozent der Sitze im Parlament, so die Kompromissformel, sollten in freier Wahl bestimmt werden, die restlichen 65 Prozent waren für die seit 45 Jahren regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) und ihre Verbündeten reserviert.

Die Wahlprognosen waren düster. Noch unmittelbar vor dem Wahlgang am 4. Juni 1989 sorgte sich der Sekretär des Zentralkomitees, Zygmunt Czarzasty, dass die Opposition um die Solidarnosc womöglich nicht genügend Stimmen gewinnen könne, um die ihr zugedachte Rolle auszufüllen. Vom erdrutschartigen Sieg waren die Gewerkschafter wohl selbst überrascht: Von 161 möglichen Mandaten im Parlament hatte die Opposition 160 gewonnen, dazu 92 der 100 möglichen Sitze im Senat.

„Wir haben gewonnen“, resümiert Lech Walesa. „Den Sieg haben wir unserem Land geschenkt, auch Deutschland und Europa. Unsere Aufgabe war es nicht, den Kommunismus zu ersetzen, sondern die Entwicklung von etwas anderem zu ermöglichen.“

Von Emily Spanel

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