Eine Ausstellung über die Stasi zeigt auch ihre Agitation um die Treffen Brandt/Stoph

Konfrontation in Kassel

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Einst DDR-Oppositioneller, heute Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde: Roland Jahn (58) gestern vor einer Schautafel, die sich mit dem Besuch von DDR-Ministerpräsident Willi Stoph 1970 in Kassel beschäftigt.

Kassel. Voller Hoffnung fieberten die Menschen im geteilten Deutschland 1970 den Treffen zwischen den Regierungschefs Willy Brandt (Bundesrepublik) und Willi Stoph (DDR) entgegen. Doch der Staatssicherheitsdienst (Stasi) der DDR sah das ganz anders.

Das Treffen in Erfurt erhielt den Decknamen Konfrontation, der Gegenbesuch in Kassel am 21. Mai Konfrontation II.

Die gestern in Kassel eröffnete Wanderausstellung der Stasi-Unterlagenbehörde, „Feind ist, wer anders denkt“, widmet sich auch diesem ersten innerdeutschen Gipfel. Klar wird, dass die Begegnungen von Erich Mielkes DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als direkte Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner betrachtet wurden.

Aus Angst, ehemalige DDR-Bürger könnten das Treffen in Kassel zu öffentlichkeitswirksamen Demonstrationen gegen das SED-Regime nutzen, versuchte man, Listen von DDR-Flüchtlingen im Raum Kassel zu erstellen. Aus dem Abschlussbericht der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe des MfS geht hervor, dass die Überwachung bis zum Ausspionieren privater Ansichten reichte. So wurden insgesamt 1990 Brief- und Kartenverbindungen in und aus dem Raum Kassel, „sowie 340 Paket- und Päckchenverbindungen festgestellt und unter Kontrolle gehalten“.

Roland Jahn, neuer Leiter der Stasiakten-Behörde, machte an diesem Beispiel gestern deutlich, dass das Thema Stasi „nicht nur eine Sache des Ostens ist“. Und er forderte besonders junge Menschen auf, die Ausstellung zu besuchen, weil sie zeige, wohin Anpassung führe - in die Diktatur.

Gnadenlose Verfolgung

„Feind ist, wer anders denkt“ erläutert zuerst Aufbau und Arbeitsweise der Stasi. Gezeigt werden dabei auch die berühmten Geruchsproben, die von verdächtigten Personen genommen wurden. Vor allem aber wird an das Schicksal von Menschen erinnert, die in das Visier der Staatssicherheit geraten waren. Unter anderem wegen Lebensweisen, die von der SED-Norm abwichen, und wegen politischer Vorstellungen, die nicht der Parteidoktrin entsprachen. All das wurde als staatsfeindlich eingestuft und gnadenlos verfolgt.

Von Wolfgang Blieffert

Service zur Ausstellung

• Die Wanderausstellung „Feind ist, wer anders denkt” des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) wird in Kooperation mit der Stadt Kassel vom 10. August bis 2. September im Foyer des Kreishauses, Wilhelmshöher Allee 19-21, präsentiert. Die Ausstellung ist Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr und am Wochenende von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
• Während der Ausstellungszeit stehen zwei Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde den Besuchern für Informationen und Auskünfte zur Verfügung.
• Neben dem Ausstellungskatalog ist auch Begleitmaterial für Schulen erhältlich. Damit können Lehrkräfte den Ausstellungsbesuch mit Schülern ab der 9. Klasse im Unterricht vor- und nachbereiten. Gruppenführungen nach telefonischer Anmeldung unter 0561 10 03-15 00.
• Vortrag: Marit Krätzer vom BStU beschäftigt sich am Montag, 15. August, 18 Uhr, im Saal der Volkshochschule im Kreishaus mit dem Mauerbau. Titel: Nur Wolken ungehindert ziehen/von Ost- nach Westberlin

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