Bertelsmann-Studie

Gesellschaftlicher Zusammenhalt wächst - Aber: Im Westen besser

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Gütersloh. Er ordnet und stabilisiert, gleichzeitig gilt er als Ausdruck eines intakten Gemeinwesens: der gesellschaftliche Zusammenhalt. Wie es um den in Deutschland bestellt ist, hat jetzt erstmals eine von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebene Studie untersucht.

Das Ergebnis: Seit 1990 ist der Zusammenhalt zwar überall gewachsen, regional gibt es jedoch deutliche Unterschiede. So kommt der Westen Deutschlands deutlich besser weg als die östlichen Bundesländer. Dort haben die Menschen laut der Studie ein höheres Vertrauen sowohl in ihre Mitbürger als auch in Institutionen, sind hilfsbereiter und stärker in soziale Netzwerke eingebunden.

„Damit meinen wir nicht Facebook, sondern echte Freundschaftsnetzwerke“, erklärt Klaus Boehnke, Dozent an der Jacobs University Bremen und einer der Forscher der Studie.

Gründe dafür sehen er und die anderen Forscher in der Vergangenheit: Das relativ geringe Vertrauen der Ostdeutschen in ihre Mitmenschen sei demnach typisch für Länder, in denen zuvor eher Kontrolle das gesellschaftliche Klima bestimmt hatte.

Doch nicht nur das subjektive Gefühl spielt bei dem sozialen Zusammenhalt eine Rolle: Je höher der Wohlstand, desto stärker der Zusammenhalt. Ebenso begünstigen ein junger Altersdurschnitt im Bundesland und stadtnahes Wohnen das Wir-Gefühl.

In allen Bundesländern gestiegen ist die Akzeptanz gegenüber Homosexuellen. Wollten 1990 noch rund 30 Prozent der Befragten keine Lesben oder Schwule als Nachbarn, habe sich der Wert mehr als halbiert.

Bei Migranten ergibt sich ein anderes Bild: Viele Deutsche heißen die Zuwanderer laut der Studie zwar willkommen, akzeptieren aber nicht, wenn sie hierzulande ihren Lebensstil pflegen. Der Schluss, dass Zuwanderer nicht willkommen sind, ergebe sich daraus nicht: „In den Städten, in denen viele Migranten leben, ist der Zusammenhalt höher als in Gebieten, in denen nicht so viele Zuwanderer wohnen“, sagt Boehnke.

Der Studie zugrunde gelegt haben die Forscher rund um die Soziologen Klaus Boehnke und Jan Delhe von der Jacobs University Bremen Daten aus den vergangenen 25 Jahren. Anhand von 31 Einzelpunkten sollte der soziale Zusammenhang gemessen werden, drei Oberkategorien wurden gebildet: soziale Beziehungen, Verbundenheit und Gemeinwohlorientierung.

Vor allem die Antworten aus Umfragen waren relevant: Wie hoch ist das Vertrauen in Mitmenschen, Justiz oder die Stadtverwaltung? Bekommen Sie Hilfe durch Freunde und Bekannte? Der größte Zusammenhalt herrscht laut der Studie im Stadtstaat Hamburg. Niedersachsen liegt demnach im oberen Mittelfeld, Hessen im Mittelfeld.

Von Constanze Wüstefeld

Drei Fragen

„Migranten stärken Zusammenhalt“

Er widerspricht Thilo Sarrazins These, dass sich Deutschland durch die Einwanderungen abschafft: Der Bremer Soziologe Klaus Boehnke. Er war an der Studie der Bertelsmann-Stiftung beteiligt.

Thilo Sarrazin provozierte in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ mit der Behauptung, dass sich vor allem zugewanderte Moslems um eine Inklusion drücken. Ein gesellschaftlicher Zusammenhalt wäre dann schwierig.

Klaus Boehnke (63) lehrt Sozialwissenschaften an der Jacobs University Bremen

Klaus Boehnke: Die Anwesenheit von Migranten schwächt einen gesellschaftlichen Zusammenhalt aber nicht, das haben wir mit der Untersuchung gezeigt. Er stärkt ihn insofern vielmehr, als dass die Menschen, in deren Umfeld viele Migranten wohnen, weltoffener werden. Der Stadtstaat Hamburg, der den größten gesellschaftlichen Zusammenhalt hat, zeigt das.

Warum ist ein gesellschaftlicher Zusammenhalt überhaupt wichtig? 

Boehnke: Der ist den Menschen wichtig, das haben wir durch die Untersuchung herausbekommen. Ein Beispiel: Wir haben uns am Rande auch die Parteiprogramme zur Bundestagswahl angeschaut. Bei der AfD und der NPD kamen Wörter wie Gemeinwohl und Zusammenhalt gar nicht vor, bei der FDP nur selten. Die großen Parteien hingegen nutzten diese Wörter. Sie haben diesbezüglich verstanden, worauf die Menschen achten.

Der Osten Deutschlands schneidet in der Studie schlechter ab als der Westen. Wie kann man das ändern?

Boehnke: Da gibt es verschiedene Ansätze. Einer ist, die Transferleistungen nicht einzustellen. Denn der soziale Zusammenhalt hängt auch mit dem allgemeinen Wohlstand ab. Den kann man objektiv messen, aber auch das subjektive Gefühl muss stimmen. In den neuen Bundesländern fehlt das. (cow)

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