Analyse: Der US-Präsident hat viele seiner Anhänger enttäuscht

Besuch des großen Ankündigers - Obama redet er vor dem Brandenburger Tor

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2008 als Kandidat, 2013 als Präsident in Deutschland: Barack Obama (51 ) will morgen in Berlin eine Rede vor dem Brandenburger Tor halten.

Als Barack Obama dieser Tage für eine Einwanderungsreform warb, war das wieder so ein besonderer Moment. Einer jener Augenblicke, in denen sich das tolerante Amerika identifizieren kann mit seinem Präsidenten.

„Es gehört Mut dazu, sich aus dem Schatten zu wagen“, sagte Obama, sprach von hochmotivierten Immigranten, deren Ideen die USA jede vierte neue Hightechfirma verdanken – und erinnerte an die Iren und Italiener und die Deutschen, die einst amerikanischen Boden erreichten.

In solchen Momenten ist Obama auf schlichte Weise menschlich. Obama, der Zeitgeistversteher. Als solcher hat er Ehen von Homo-Paaren gutgeheißen. Als die Waffenlobby nach dem Blutbad von Newtown strengere Kontrollen blockierte und der Präsident seufzte, so laut man nur seufzen kann, spürte jeder, dass es keine einstudierte Politikerpose war, sondern echte Erschütterung. Obama ist auch deshalb ein Symbol des Wandels.

„George W. Obama“

Doch nun wird das alles immer öfter überschattet, immer ernüchterter sprechen frühere Anhänger von „Big Barry“ oder gar von „George W. Obama“ mit Verweis auf seinen ungeliebten Amtsvorgänger.

Big Barry, abgeleitet von Orwells Big Brother, klingt geradezu verharmlosend, wenn der Präsident zur geheimdienstlichen Überwachung des Internets sagt: „Sie können nicht hundert Prozent Sicherheit haben und zugleich hundert Prozent Privatsphäre und keinerlei Unannehmlichkeiten.“

Fast die Hälfte der Amerikaner sieht es zwar ähnlich, laut Umfragen sprechen 45 Prozent den Schnüfflern der NSA das Recht zu, jedermanns E-Mails zu lesen, solange dies hilft, Anschläge zu verhindern. Aber unter den jungen Amerikanern, einst Obamas euphorischste Fans, ist das Verständnis deutlich weniger ausgeprägt.

Und in der Demokratischen Partei gehen ihm die eigenen Truppen von der Fahne, jene linksliberalen Bürgerrechtler, ohne deren Einsatz der Senator Obama nie den Sprung zur Präsidentschaftskandidatur geschafft hätte.

„George W. Obama“ hat ferngesteuerte Drohnen als Wunderwaffe im Kampf gegen den Terror entdeckt. Das Gefangenenlager Guantánamo hat er weder geschlossen, noch im Ringen mit dem skeptischen Kongress energisch für die Schließung gekämpft.

Überhaupt, die Ankündigungspolitik. Zum zweiten Mal im Amt vereidigt, stellte Obama Klimagesetze in Aussicht – mit den Worten, dass künftige Generationen betrüge, wer nicht auf die Klimakrise reagiere. Ein ernsthafter Versuch steht bislang aus. Obama, der verzagte Reformer.

Kritisiert man ihn für die Kluft zwischen großen Tönen und kleinen Taten, reagiert Obama gereizt. Bisweilen, beobachtet der Biograf Jonathan Alter, fühlt er sich missverstanden wie ein verkanntes Genie, nach dem Motto: Ich habe Detroit gerettet, die Aktienkurse sind wieder oben, wir haben die Depression vermieden – muss ich das wirklich noch einmal erklären?

Die Härte der konservativen Opposition, die wenig Spielraum lässt für ehrgeizige Reformwürfe, hat ihn selbst hart werden lassen, eher selbstgerecht als geduldig werbend. Der einst überzeugende Kommunikator rennt inzwischen zu oft gegen Wände, das hat ihn stark verändert.

Hoher Erwartungsdruck

Auch bei seinem Deutschlandbesuch steht er unter hohem Erwartungsdruck. Viele politische Beobachter warten auf belastbare Zeichen, die zeigen, dass die transatlantische Achse tatsächlich funktioniert. Wird das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA ein Erfolg? Gibt es eine gemeinsame Strategie im Hinblick auf Syrien? Ist das Verhältnis zwischen dem US-Präsidenten und Angela Merkel wirklich wieder so gut, wie beide behaupten?

Lange hatte es Obama der Kanzlerin übel genommen, dass ihm 2008 eine Rede vor dem symbolisch bedeutsamen Brandenburger Tor in Berlin verweigert worden war. Damals war er „nur“ Präsidentschaftskandidat, wurde aber von 200 000 Deutschen an der Siegessäule begeistert empfangen – als der Hoffnungsträger für die Zeit des Aufbruchs nach der dunklen Bush-Ära.

Morgen wird der 51-Jährige erstmals als Präsident am Brandenburger Tor sprechen. Er hat eine Rede vor geladenen Gästen angekündigt über „die Werte, die unsere Länder verbinden“. Jeder US-Präsident, der in Berlin auftritt, muss damit leben, an historischen Vorbildern gemessen zu werden. Erwartet wird eine große Rede.

Von Frank Herrmann und Jörg S. Carl

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