Wer dienstliche Mails checkt, bekommt Freizeitausgleich

Betriebsvereinbarung bei BMW: Abends unerreichbar für den Chef

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Immer erreichbar und auch in der Freizeit beschäftigt: Laptops und Smartphones sind stets präsent. BMW will Arbeit nach Feierabend mit Freizeit ausgleichen.

München. Der Autokonzern BMW tritt bei der ständigen Erreichbarkeit seiner Mitarbeiter kräftig auf die Bremse. In einer Betriebsvereinbarung wurde ausgehandelt, dass das Schreiben und Beantworten von beruflichen E-Mails sowie dienstliche Telefonate von zu Hause aus als Arbeitszeit angerechnet werden.

Die Mitarbeiter können dann die so genannte Mobilarbeit in ihre Arbeitszeitkonten eintragen und dafür einen Freizeitausgleich geltend machen – durch früheren Feierabend oder freie Tage. Aus dem schnellen Checken von Mails wird somit rasch eine Überstunde.

Die Vereinbarung ist mittlerweile in sechs von acht deutschen Produktionsstandorten in Kraft. Die Werke Landshut und Regensburg ziehen im März nach, erklärte BMW-Sprecher Jochen Frey gegenüber unserer Zeitung. Sie gilt für Mitarbeiter in der Verwaltung und in der Entwicklung. Betroffen sind 35.000 von 79.000 Beschäftigten aus diesen Bereichen. Mit der neuen Regelung wolle der Konzern „die Vorteile der Flexibilität erhalten und die Vereinbarkeit mit dem Privatleben verbessern“. Die Betriebsvereinbarung sei, so Frey, das Ende einer Prozesskette. Sie löse eine 17 Jahre alte Regelung über Telearbeit ab.

Der BMW-Betriebsrat nennt das neue Modell vollmundig eine „Revolution der Arbeitswelt“. Betriebsratschef Manfred Schoch will die Gefahr verringern, dass Mitarbeiter an einem Burnout erkranken. Außerdem will das Unternehmen so auch für gut ausgebildete Fachkräfte attraktiver werden. Schließlich sollen die BMW-Bediensteten mit ihren Vorgesetzten Zeiten vereinbaren, in denen sie grundsätzlich nicht zur Verfügung stehen. Schoch nennt das ein „Recht auf Unerreichbarkeit“.

Sprach sich als Arbeitsministerin gegen ständige Erreichbarkeit aus: Ursula von der Leyen

Dass Mitarbeiter mit Smartphones, Tablet-Computern und Laptops auch nach Feierabend arbeiten, hat sich längst in vielen Betrieben eingebürgert. Statt 40 werden so oftmals schnell 50 Arbeitsstunden in der Woche erreicht. Selbst im Urlaub sind dienstliche Mails nicht tabu. Der Haken: Viele Beschäftigte können nicht mehr richtig von der Arbeit abschalten.

Die frühere Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hat sich im vergangenen Jahr prinzipiell gegen dienstliche E-Mails nach Feierabend ausgesprochen und Betriebe zu klaren Regeln einer Handykultur aufgefordert. „In der Freizeit soll Funkstille herrschen“, sagte sie seinerzeit. Taten folgten den Worten allerdings nicht: Eine gesetzliche Regelung scheute die Ministerin. Sie setzte auf Freiwilligkeit.

Auch auf Gewerkschaftsseite wird das Thema heftig diskutiert. Der Chef der IG Metall, Detlef Wetzel, forderte gesetzliche Regelungen, den SMS- und Mail-Verkehr nach Feierabend zu unterbinden. Hier müsse die neue Koalition strenge Regeln vereinbaren. Es sei unzumutbar, dass immer mehr Beschäftigte auch an Wochenenden E-Mails oder SMS von Vorgesetzten bekämen. So weit dürfe die Digitalisierung der Arbeitswelt nicht gehen.

Von Peter Klebe

In der gedruckten Ausgabe am Mittwoch lesen Sie außerdem:

-VW schaltet den Server ab, Daimler löscht Mails

- Interview: Arbeitspsychologin Carmen Binnewies plädiert für Grenze zwischen Beruf und Privatleben

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