Trauma-Experte über das Leid der Überlebenden von Utøya

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Gerettet: Überlebende des Massakers von Utøya, eingehüllt in Decken, vor dem Hotel in Sundvolden, das die geschockten Jugendlichen betreut.

Sie sind um ihr Leben geschwommen und dem Tod um Haaresbreite entronnen. Die Überlebenden des Massakers von Utøya und des Bombenanschlags in Oslo haben die wohl schlimmsten Minuten ihres Lebens durchlitten. Wir sprachen mit Trauma-Experte Georg Pieper über die psychischen Folgen für die Opfer.

Herr Pieper, haben die Überlebenden des Insel-Massakers überhaupt eine Chance, das Erlebte zu verarbeiten?

Dr. Georg Pieper: Die Jugendlichen haben ein Trauma von besonders schwerem Ausmaß erlebt, das eine enorme Belastung für die Psyche darstellt. Ich befürchte, dass eine beträchtliche Zahl dieser jungen Leute ein Leben lang mit den Ereignissen zu kämpfen haben wird.

Sie haben schon bei vielen Katastrophen wie etwa dem Amoklauf an einer Erfurter Schule die Betroffenen psychologisch betreut. Gibt es hier eine besondere Problematik?

Pieper: Ja, denn die Jugendlichen befanden sich auf dieser Ferieninsel in einem vermeintlich geschützten Raum. Sie wurden von einem falschen Polizisten attackiert, der eigentlich für Sicherheit und Schutz stehen sollte. Das macht die Tat besonders perfide. Wir haben es hier mit einem Affront gegen den friedlichen Staat Norwegen und seine offene, tolerante Gesellschaft zu tun.

Gibt es so etwas wie ein nationales Trauma?

Pieper: Ich denke schon. Sie können die Situation mit den Anschlägen vom 11. September in den USA vergleichen. Meine norwegischen Kollegen, mit denen ich in engem Kontakt stehe, bestätigen mir diesen Eindruck. Ich bin mit einer Norwegerin verheiratetet und kenne das Land und seine Menschen ganz gut. Die Norweger besitzen glücklicherweise einen gesunden Nationalstolz und werden jetzt noch enger zusammenrücken als zuvor. Das ist ihre große Chance, mit der Katastrophe fertig zu werden.

Mit welchen psychischen Folgen haben die Überlebenden zu kämpfen?

Pieper: Die Jugendlichen haben schreckliche Szenen miterlebt, die sich wohl für immer in ihr Gedächtnis gebrannt haben. Ihre Freunde wurden vor ihren Augen erschossen, sie hatten Todesangst. Anders als bei normalen Erinnerungen wird bei einem Trauma dieses Gefühl immer wieder durch bestimmte Reize ausgelöst. Jetzt ist es die Aufgabe der Fachleute, aber auch der Familien und Freunde, den Betroffenen ein Stück des alten Sicherheitsgefühls zurückzugeben.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für die Opfer?

Pieper: Am wichtigsten ist, das Erlebte miteinander zu teilen. Darüber hinaus müssen Fachleute den Betroffenen immer wieder deutlich machen, dass sie jetzt in Sicherheit sind. Auch die nationale und die internationale Solidarität spielt eine wichtige Rolle, um den Opfern zu zeigen, dass sie jetzt nicht allein sind.

Die mediale Bilderflut der Katastrophe macht auch vor Kindern nicht Halt. Wie können Eltern ihren Kindern erklären, was dort passiert ist?

Pieper: Einfache Erklärungen kann ich Ihnen da nicht geben. Auch wir Fachleute stehen der Grausamkeit der Tat fassungslos gegenüber. Ich finde es aber beeindruckend, wie Norwegen dem Täter eine klare Botschaft entgegensetzt: ‘Wir bleiben eine offene Gesellschaft und lassen uns nicht einschüchtern.’ Genau das sollten Eltern auch ihren Kindern vermitteln. Kinder besitzen ein sensibles Gespür für solche Ereignisse, zumal sie überall mit den Bildern konfrontiert werden. Deshalb sollten wir sie auch nicht in Watte packen, sondern offen mit den Geschehnissen umgehen.

Von Kristin Dowe

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