Bischof Hein zu Flüchtlingen: Wo Not greifbar ist, macht die Kirchen auf

Martin Hein

Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen und Waldeck, Martin Hein, ist bereit, Kirchen als Unterkunft für Flüchtlinge zu öffnen, wenn die Menschen zu erfrieren drohen.

Das erklärte er im Interview.

Die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, steigt und steigt. Ist das Land damit überfordert? 

Prof. Martin Hein: Wir stoßen sicher an den Rand der Kapazitäten, aber von Überforderung möchte ich noch nicht sprechen. Ich war im vergangenen Jahr im Libanon, einem Land, das vier Millionen Einwohner hat und eine Million Flüchtlinge beherbergt. Insofern sind unsere Möglichkeiten begrenzt, aber noch nicht erschöpft.

Hinter jedem Flüchtling steckt ein menschliches Schicksal. Reden wir zuviel von Zahlen und sehen das Leid der Menschen nicht? 

Hein: Je größer die Zahlen werden, umso weniger ist das unmittelbare Leid greifbar. Unter welchen Umständen die Menschen zu uns nach Deutschland kommen, sehen wir, wenn es zu persönlichen Begegnungen kommt. Ich glaube, dass die Hilfsbereitschaft, die gegenwärtig immer noch sehr zu spüren ist, dazu beiträgt, die persönlichen Fluchtursachen zu sehen und Verständnis aufzubringen. Niemand verlässt seine Heimat freiwillig.

Wer hat in der aktuellen politischen Debatte eher Recht - Frau Merkel, die sagt, wer in Not ist, darf kommen, oder Herr Seehofer, der die Migration beschränken will? 

Hein: In der Hinsicht, dass die Notlagen der Menschen im Vorderen Orient - Syrien und Nordirak - wahrgenommen werden müssen, hat Frau Merkel Recht. Aber ich kann verstehen, dass von politischer Seite gefordert wird, das Problem auch europäisch zu lösen. Ich bin nicht für eine radikale Begrenzung, wie sie Herr Seehofer vergeblich fordert, ich wünsche mir mehr Solidarität der anderen EU-Länder.

Viele Länder in der EU überlegen nur, wie sie Flüchtlinge durchschleusen oder abweisen können, kaum jemand, wie man ihnen helfen kann. Ist die EU als Wertegemeinschaft gescheitert? 

Hein: Die europäische Idee steht auf dem Prüfstand, wenn sich viele Länder strikt weigern, Kontingente von Flüchtlingen aufzunehmen. Die EU war von ihrem Ansatz her eine Wirtschaftsgemeinschaft, und das ist sie in erster Linie immer noch. Wirtschaftliche und politische Inhalte haben die europäische Einigung befördert, was höchst erfreulich ist. Das Projekt Europa ist nicht gescheitert, aber es steht in Gefahr zu scheitern, wenn jetzt nur noch egoistische, nationale Politik betrieben wird.

Das zeichnet sich im Moment ja ab. 

Hein: Leider. Ich bedauere das zutiefst. Das Problem der Menschen, die zu uns kommen, ist nicht allein damit gelöst, das wir sie hier aufnehmen. Wir müssen auch politisch Einfluss nehmen, damit sich die Situation der Menschen in ihren Heimatländern ändert. Da wäre eine gemeinsame Position der EU hilfreich. Aber schon die Frage, wie man sich gegenüber dem Eingreifen Russlands in Syrien verhält, zeigt ja, dass es hier unterschiedliche Motive gibt.

Flucht und Vertreibung sind zentrale Themen der Bibel. Welche Verantwortung erwächst daraus für Christen heute? 

Hein: Das ist ein Kernthema im Alten Testament. Der Exodus Israels aus der Sklaverei Ägyptens ist das Ereignis schlechthin des jüdischen Glaubens - bis heute. Und auch die Erzählung von der Obdachlosigkeit Marias und Josefs in der Weihnachtsgeschichte ist in unserem christlichen Glauben ebenso präsent wie ihre Flucht nach Ägypten. Es ist notwendig, sich daran zu erinnern, dass daraus heute eine Verantwortung für uns erwächst.

Wie nimmt die christliche Kirche denn ganz konkret diese Verantwortung wahr? 

Hein: Wir stellen nach aktuellem Stand allein in Kurhessen-Waldeck 43 Immobilien zur Verfügung. Wir haben darüber hinaus eine Million Euro bereitgestellt, um die Beratung von Flüchtlingen, aber auch die Begleitung von hochmotivierten Ehrenamtlichen zu fördern, von denen es ja viele gibt.

Eine evangelische Gemeinde in Oberhausen öffnet ihre Kirche als Notunterkunft für Flüchtlinge. Ist das für die Kirchen in unserer Region auch denkbar? 

Hein: Ja. Bevor die Menschen erfrieren, weil es keine Unterkunft mehr gibt, ist es ein absolutes Gebot der Nächstenliebe, die Kirchen zu öffnen. Sie sind im Winter auf 15 Grad geheizt. Niemand war gut auf die Flüchtlingswelle vorbereitet, obwohl sie sich schon lange angedeutet hat. Jetzt geht es darum, unbürokratisch und unkonventionell zu helfen. Mein Plädoyer: Wo Not greifbar ist, macht die Kirchen auf!

Was sagen Sie Christen, die mit der neuen Lage in Deutschland nicht so recht klarkommen. Muss man ihre Sorgen nicht auch ernst nehmen? 

Hein: Natürlich muss man die Sorgen ernst nehmen. Wenn man sagt, macht euch keine Sorgen, dann entsteht eine Schieflage, aus der Misstrauen erwächst. Es ist wichtig, eine offene Gesprächskultur zu schaffen. Es ist ganz falsch, Menschen, die Ängste haben, in die so genannte rechte Ecke zu stellen. In vielen unserer Kirchengemeinden gibt es Begegnungscafes. Wer da genau hinhört, bleibt aus Überzeugung bei der deutschen Willkommenskultur, die am Anfang sehr stark war.

Der Soziologe Max Weber unterscheidet zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Müssen wir mehr die langfristigen Folgen der Entscheidungen von heute in den Blick nehmen? 

Hein: In der Politik ist das schwierig, weil man kurzfristig von Wahltermin zu Wahltermin schaut. Als Kirche haben wir den längeren Atem. Ich bin Befürworter einer Verantwortungsethik, die nicht alle Fantasie hintanstellt, sondern überlegt, wie wir unter unbestritten schwierigen Bedingungen den Menschen helfen können.

Besteht die Sorge, dass zu viele Menschen anderer Religionen, vor allem Muslime, nach Deutschland kommen und das Christentum zurückgedrängt wird? 

Hein: Die Sorge ist unterschwellig zu spüren. Viele Flüchtlinge sind mit den Verfahrensweisen einer westlichen Demokratie nicht vertraut. Die Religionsfreiheit muss geachtet werden. Ein offener Dialog auch über die negativen Seiten der Religion muss gefördert werden. Wenn sich Menschen von der Botschaft des Christentums angesprochen fühlen, haben sie auch die Möglichkeit, Christen zu werden, was in ihrer Heimat nicht der Fall ist. Das Christentum in Deutschland würde nur zurückgedrängt, wenn es nicht mehr genügend Christen gäbe. Aber überzeugte Christen haben keine Angst.

Wird die Flüchtlingswelle weitergehen? 

Hein: Ja, so lange sich die Ursachen nicht beseitigen lassen. Wir werden es, auch wenn viele das nicht hören wollen, mit einer Völkerwanderung zu tun haben. Eine europäische Lösung ist unvermeidbar. Aber das braucht alles sehr viel Zeit und Geduld.

Prof. Dr. Martin Hein (61) ist seit September 2000 Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Er studierte Rechtswissenschaften und Theologie in Frankfurt, Erlangen und Marburg. Von 1995 bis 2000 war er Dekan des Kirchenkreises Kassel-Mitte. Geboren wurde Hein in Wuppertal, aufgewachsen ist er in Hanau. 2014 wurde er in den Deutschen Ethikrat berufen. Hein ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Töchtern.

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