Hein: „Ich kann das nicht akzeptieren“

Interview: Bischof Martin Hein nach Besuch bei Flüchtlingen im Libanon

Hilfe für Flüchtlinge im Libanon (von links): Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Hazim Ghattas, Bischof der Rum-Orthodoxen Kirche, und Martin Lückhoff, Dekan des Kirchenkreises Hanau-Land. Lückhoff übergab ein Gerät für arterielle Blutgasanalyse. Es fehlen neben medizinischer Hilfe auch Nahrung und Wasser für die Syrienflüchtlinge im Land. Foto: privat

Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, war zu Gast bei der Rum-Orthodoxen Kirche im Libanon. Im Gespräch mit unserer Autorin Nina Nickoll berichtet er über die Not der Flüchtlinge, die im Kloster Balamand, 10 Kilometer entfernt von Tripolis, Zuflucht gefunden haben.

Bischof Hein, warum waren Sie im Libanon und wie groß ist die Not der Flüchtlinge vor Ort? 

Martin Hein: Zusammen mit dem Hanauer Dekan Martin Lückhoff war ich zu Gast im Kloster Balamand, wo wir medizinische Geräte hingebracht und uns mit Vertretern der orthodoxen Kirche über die schwierige Situation ausgetauscht haben. Wir haben mit 30 syrischen Flüchtlingen gesprochen - die meisten kamen aus Aleppo -, die im Kloster oder in der Nähe davon Zuflucht gefunden haben.

Der Libanon hat 4,5 Millionen Einwohner, es befinden sich zurzeit 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge zusätzlich dort. Das Land steht vor Aufgaben, die es aus eigener Kraft nicht bewältigen kann. Zehn Prozent der Flüchtlinge sind Christen, alle anderen sind Muslime. Beide Gruppen sehen derzeit keine Perspektive mehr, in Syrien zu bleiben.

Woran mangelt es am meisten? 

Hein: Es fehlt nicht an Waffen! Sondern an humanitären Leistungen: Die Menschen hungern, sie brauchen Wasser und sie brauchen vor allem medizinische Hilfe. Wir haben inzwischen eine Liste aus dem Libanon bekommen, und unsere Landeskirche wird sich darum bemühen, dieser nachzukommen. Dringend nötig ist eine konzertierte humanitäre Hilfe für Syrien, für den Nordirak, auch für den Libanon.

Die Erstaufnahmeeinrichtungen in Deutschland platzen aus allen Nähten. Wäre es nicht sinnvoller, die Flüchtlinge im Libanon zu lassen und sie dort zu unterstützen? 

Hein: Die Infrastruktur im Libanon ist überfordert. Wir dagegen sind eines der am meisten entwickelten Länder der Welt. Es ist ein Armutszeugnis, dass es uns nicht gelingt, für menschenwürdige Unterkünfte zu sorgen. Da kann es relativ zügige Bauprojekte geben, ich meine auch, dass Container übergangsweise möglich sind. Ich glaube, dass Deutschland in der Lage ist, noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen.

Ich bin sehr bedrückt nach Hause gefahren. Die Bilder verfolgen mich jetzt noch.

Welche Bilder werden Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Hein: Bilder von Kindern, die ja eigentlich die Zukunft eines Landes sind, und die jetzt hoffnungslos vor einem stehen und denen man sagen muss: Ich kann dir aktuell nicht helfen.

Was tut die Kirche, um diesen Menschen zu helfen? 

Zur Person 

Prof. Dr. Martin Hein (60) ist seit September 2000 Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Hein hat Rechtswissenschaften und Theologie in Frankfurt, Erlangen und Marburg studiert. Von 1995 bis 2000 war er Dekan des Kirchenkreises Kassel. Geboren wurde Hein in Wuppertal, aufgewachsen ist er in Hanau. Hein ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Töchtern.

Hein: Mit unserer „Syrienhilfe“ versuchen wir, unmittelbar Unterstützung zu leisten, aber wir setzen uns auch dafür ein, dass kirchliche Gebäude sich öffnen für die Arbeit mit Flüchtlingen. Außerdem haben wir das Kontingent für die Flüchtlingsberatung deutlich erhöht.

Ich habe mit Deserteuren der Armee gesprochen, die haben keinerlei Chance zurückzukommen. Aber sie wissen auch, dass möglicherweise auch ihre Lebensbasis im Libanon abbricht; die wollen einfach nur weg. Unsere Aufgabe als Kirche ist es außerdem, den Menschen ins Gewissen zu reden. Denn wenn wir uns nicht von dem Leid bewegen lassen und nur sagen, es hilft ja doch nichts, werden wir kaltherzig. Ich kann das nicht akzeptieren.

Alle freuten sich über den Arabischen Frühling - aber vorher ging es Christen und Kopten in Ägypten und Syrien deutlich besser als jetzt.

Hein: Es ging ihnen besser. Man kann politisch sagen, was man will, aber das Assad-Regime ist insgesamt für alle Minderheiten in Syrien besser gewesen als die Situation jetzt.

Was nun möglicherweise kommt, ist nicht nur politisches Chaos, sondern die Vertreibung der Christen aus angestammten Gebieten. Das ist die bittere Seite des Arabischen Frühlings.

Von Nina Nickoll

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