Bischof über Airbus-Absturz: „Glaube an Gott kann Halt geben“

Bischof Martin Hein

Der Absturz der Germanwings-Maschine hat unermessliches Leid mit sich gebracht. Viele Betroffene suchen religiösen Trost. Darüber sprach HNA-Nachrichtenchef Tibor Pézsa mit Bischof Martin Hein.

Herr Bischof, wie kann Gott so ein schlimmes Unglück zulassen? 

Martin Hein:  Bei einem solchen Unglück kommt die Frage nach Gott sehr schnell. Das ist so und setzt unserem Glauben an Gottes Liebe sehr zu. Wir müssen aber auch nach unseren eigenen Anteilen fragen. Allmählich stellt sich heraus, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein Attentat des Co-Piloten handelt, der billigend den Tod von 149 Menschen in Kauf nahm. Und da muss man sich doch fragen, warum ein Mensch so etwas Böses tun kann.

Entbindet das von der Frage, warum es so viel Leid gibt? 

Hein: Da gibt es keine Antwort, die alles erklären könnte. Ich weiß auch nicht, warum 3368 Menschen allein im Jahr 2014 in Deutschland bei Verkehrsunfällen gestorben sind, worüber wir uns eher wenig entsetzen. Die Erfahrung des Leids gehört seit je her zu uns Menschen in dieser nicht erlösten Welt. Davon weiß die Bibel viel zu erzählen. Und nur selten fragen wir, wenn es uns gut geht: Wie konnte Gott das zulassen?

Heute können wir fast alles erklären. Ist denn die Frage nach Gott im 21. Jahrhundert überhaupt noch relevant? 

Hein: Ihre Bedeutung wird ja schon dadurch sichtbar, dass viele Menschen, zum Beispiel in Haltern, gleich nach Bekanntwerden des Absturzes in die Kirchen gegangen sind. Es ist ja nicht so, dass die Erfahrung solcher Katastrophen unbedingt von Gott wegführt. Sie kann auch zu ihm hinführen, weil wir merken: Unser Leben ist ausgeliefert, von Anfang bis Ende, wir haben es nicht in der Hand. Angesichts dieser Tatsache kann der Glaube an Gott sehr wohl Halt geben.

Auch wenn das Schlimme so oder so geschieht? 

Hein: Auf welche Weise Gott die Welt regiert, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir können nur darauf vertrauen. Aber jetzt ist die Passionszeit, die auf Ostern hinführt. Sie sagt uns, dass Gott dem Leiden nicht ausweicht, dass er sogar in Jesus Christus den Tod ganz bewusst auf sich nimmt. Das Christentum ist die Religion, die aus dem Tod dieses einen Menschen heraus eine Antwort auf das Leben zu geben versucht.

Was sagen Sie denn einem Trauernden, der nicht an Gott glaubt? 

Hein:  Ich würde ihm sagen: Ich verstehe es auch nicht. Wer versteht denn das ganze Leid der Welt? Die Tatsache aber, dass du trotz allem weiterlebst und weiterhin Lebensmut hast, ist doch Ausdruck einer Hoffnung in dieser Welt, aus der wir alle leben - selbst wenn man nicht an Gott glaubt.

Welche Rolle spielen Rituale bei der Trauerbewältigung, wie etwa Flaggen auf Halbmast oder öffentliche Trauerbekundungen? 

Hein: Rituale sind ungemein wichtig. Sie geben innere Stabilität. In solch einer Situation wie gegenwärtig gilt das ganz besonders. Brennende Kerzen, ja sogar Flaggen auf Halbmast sind Ausdruck einer Suche nach Halt, wenn sich der Boden unter unseren Füßen zu entziehen scheint. Wir Kirchen können viel aus dem reichen Schatz unserer Erfahrung mit solchen Situationen beitragen. Jesus schreit am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Gerade aus diesem Schrei heraus, aus dem Mitgefühl mit allen Leidenden, erwächst Ostern.

Wie kann man Kindern den Umgang mit Leid am besten beibringen? 

Hein:  Indem man es nicht ausgrenzt, sondern darüber spricht. Das Schlimmste, was wir Kindern antun können, ist ihnen eine heile Welt vorzutäuschen. Auch Demut und Dank für das Gute kann man früh lernen.

 

Zur Person: Martin Hein (61)

Prof. Dr. Martin Hein (61), gebürtiger Wuppertaler, ist seit September 2000 Bischof der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck. Hein, der Rechtswissenschaften und Theologie studierte, war nach seiner Promotion Vikar in Kassel und Pfarrer im nordhessischen Grebenstein, bevor er 1989 Studienleiter am Evangelischen Predigerseminar in Hofgeismar wurde. Von 1995 bis 2000 war er Dekan des Kirchenkreises Kassel. Der verheiratete Vater zweier erwachsener Töchter ist Mitglied des Deutschen Ethikrats.

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