Ministerpräsident Kretschmann punktet bei Beliebtheit – CDU und SPD rutschen ab, AfD liegt bei 12,5 Prozent

Blick nach Baden-Württemberg: Grüne vorn - Bündnisfrage offen

Quader aus Beton und Glas: Der Landtag von Baden-Württemberg ist Europas erster Parlamentsneubau nach dem Zweiten Weltkrieg. 1961 wurde das Haus eingeweiht, seit Herbst 2013 wird es umgebaut.

Am Sonntag werden drei Landtage neu gewählt. Nach Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt blicken wir nach Baden-Württemberg.

Dort stellen die Grünen seit 2011 im Bund mit der SPD erstmals einen Länder-Regierungschef.

„Wir Grünen bringen alles das mit, was man von der CDU erwartet hätte“: Wenn TV-Parodist Mathias Richling mit Bürstenhaar-Perücke und schleppendem Älbler-Schwäbisch seinem Landesvater Winfried Kretschmann diesen Satz in den Mund legt, ist das zum Schreien komisch. Richling trifft zugleich ins Schwarze.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne)

Die Grünen in Baden-Württemberg sind in der Mehrheit Realos. Oberrealo ist Winfried Kretschmann (67), der eigentlich katholischer Pfarrer werden sollte, dann doch lieber Lehramt studierte und 2011 erster grüner Ministerpräsident Deutschlands wurde. Bodenständig, pragmatisch, Garant einer Politik, die das weithin wertkonservative Wahlvolk im Ländle nicht vor den Kopf stößt: So hat Kretschmann, verheiratet, drei Kinder, Hobby-Schreiner und Hobby-Wanderer, es zu Umfragewerten gebracht, die die Spitzenergebnisse seiner Partei noch deutlich toppen.

An der CDU vorbei

Die Grünen haben sich in Umfragen mit zuletzt 33,5 Prozent an der CDU vorbeigeschoben (28,5 Prozent). Ihren Wahlerfolg von 2011 – nach fast sechs Jahrzehnten CDU-Herrschaft – erklärten die Christdemokraten zunächst zum „Betriebsunfall“. Das haben sie sich abgeschminkt.

Guido Wolf (CDU)

CDU-Herausforderer Guido Wolf (54), verheiratet, ist Jurist und Mundart-Dichter, war Landrat von Tuttlingen. Er könnte nach derzeitiger Umfrage-Arithmetik hoffen, Juniorpartner einer grün-schwarzen Koalition zu werden. Das will er aber nicht. Kretschmann wiederum braucht an eine Neuauflage von Grün-Rot im Südwesten nicht zu denken. Die SPD rutscht in Umfragen weiter ab und lag zuletzt bei 12,5 Prozent – gleichauf mit der rechtspopulistischen AfD.

Mit ihr will keiner im Ländle. Dreier-Ampeln (CDU, SPD, FDP oder Grüne, SPD, FDP) werden durchgespielt. Landesvater Kretschmann, das hat er angekündigt, will seinen Chefsessel behalten oder aufs politische Altenteil gehen.

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima und ein schlitzohriger CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus, dessen Rückkauf von Anteilen des Energiekonzerns EnBW am Landtag vorbei auch vielen Schwaben und Badenern zu schlitzohrig eingefädelt war, galten als Gründe für den Wahlerfolg der Grünen vor fünf Jahren.

Reformen im Bildungswesen unter Grün-Rot sorgten zwar für böses Blut. Unterm Strich ist der Koalitionsvertrag aber weitgehend ohne größere Pannen abgearbeitet.

Protest gegen den Untergrundbahnhof Stuttgart 21 gibt es immer noch. Grün-Rot ließ aber nicht Wasserwerfer auffahren, sondern hat dem umstrittenen Milliardenprojekt per Volksabstimmung grünes Licht verschafft. S21-Gegner nannten Kretschmann dafür Verräter, die schwäbische Hausfrau findet’s hingegen akzeptabel, weil irgendwann auch mal gut sein muss.

Gebete für Merkel

Am rechten Rand dürfte sich die AfD auch im Südwesten an CDU-Wählern bedienen. Ende der 60er-Jahre hatte es dort die NPD mit fast zehn Prozent kurz in den Landtag geschafft. Zur Mitte hin wartet Winfried Kretschmann. Der Grüne hat früh die Lücke geschlossen, die sein CDU-Herausforderer Guido Wolf beim Thema Flüchtlinge offen ließ.

Bevor Wolf sich noch zwischen dem liberalen „Wir schaffen das“-Kurs seiner Parteichefin Angela Merkel und der rigiden Gegenstrategie von CSU-Chef Horst Seehofer entschieden hatte, war Kretschmann schon da: Er bete jeden Tag für die Gesundheit der Kanzlerin, bekannte der Grüne im Januar, und kämpfe wie sie dafür, dass die Flüchtlingskrise auf europäischer Ebene gelöst werde.

Auf den letzten Metern vor dem Wahltag hat CDU-Mann Wolf gestern einen breit angelegten Bürokratieabbau versprochen. Außerdem will er Polizei und Bildung stärken und - falls er ein Kabinett zu bilden hätte - es zur Hälfte mit Frauen besetzen.

Hintergrund: Wie der Südwesten punktet

• Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, das durch einen Volksentscheid entstand. 1952 fusionierten die Länder Württemberg-Baden, Baden und Württemberg-Hohenzollern zu einem einzigen Südweststaat. Es gibt drei Hymnen: das Badnerlied, die Hymne der Württemberger und das Hohenzollernlied.

• „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ - mit diesem frechen Bekenntnis machte Baden-Württemberg von 1999 bis 2012 Imagewerbung in eigener Sache. Die Hamburger Werbeagentur Scholz & Friends hatte das Motto zunächst dem Freistaat Sachsen angeboten - der lehnte ab.

• Folgende Erfindungen werden Schwaben und Badenern zugeschrieben (Auswahl):

Streichhölzer (1832), Laufrad, Motorrad (1885), Auto (1886), Zeppelin-Luftschiff (um 1900), Uhu-Alleskleber (1932), Dauerwelle, Plexiglas, Schwarzwälder Kirschtorte, Kunststoffdübel, Motorsäge, Zündkerze, Teddybär, Leitzordner, Handbohrmaschine, Windrotor zur Stromerzeugung (ging 1950 in Serie).

• Mit 133 Patentanmeldungen je 100 000 Einwohner war Baden-Württemberg 2015 erneut Spitzenreiter unter den Bundesländern.

(Quelle: Landesregierung)

Bundesland in Zahlen

• Fahrzeug- und Maschinenbau sowie die Elektroindustrie - diese Kernbranchen tragen dazu bei, dass Baden-Württemberg mit Bayern und Hessen zu den Geberländern des Länderfinanzausgleichs zählt.

• Die Arbeitslosenquote lag im Februar bei 4.0 % – niedrigste Rate bundesweit.

• Knapp 11 Mio. Menschen leben im Land (Hessen: 6,1 Mio.), Niedersachsen: 7,9 Mio.). 1,4 Millionen im Ländle haben einen ausländischen Pass – rund 12 Prozent, der größte Anteil unter den Flächenländern.

• Mit 35 700 Quadratkilometern Fläche liegt Baden-Württemberg zwischen Hessen (21 100 km2) und Niedersachsen (47600 km2).

(Quelle: Landesregierung)

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