Böhmermann im Porträt: Große Klappe, kleine Quote

Provoziert gerne: Der Satiriker und TV-Moderator Jan Böhmermann (35). Foto: dpa

Misst man den Erfolg eines Provokateurs an medialer Aufmerksamkeit, dann ist Jan Böhmermann in diesen Tagen extrem erfolgreich.

Erst fühlte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu genötigt, sein Schmähgedicht gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan öffentlich zu kritisieren, dann ermittelt jetzt auch noch die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Beleidigung. Hinzu kommen die Schlagzeilen - weltweit. Viel mehr geht also nicht aus Sicht eines jungen Mannes, der gezielt mit markigen Worten die Öffentlichkeit sucht.

Freitagabend sollte es dann zur Krönung kommen. Der 35-jährige TV-Moderator hätte in Marl zum zweiten Mal nach 2014 den renommierten Grimme-Preis entgegennehmen sollen. Diesmal für seine Satire rund um den Mittelfinger des griechischen Ex-Finanzministers Giannis Varoufakis. Doch er sagte seine Teilnahme kurzfristig ab. „Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe“, teilte er am Mittag über Facebook mit.

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Auch wenn er gerne im Rampenlicht steht - sein Privatleben behält der 1,90 Meter große Böhmermann am liebsten für sich. Aufgewachsen ist er mit zwei Geschwistern in einer Genossenschaftswohnung in Bremen-Vegesack. Als er auf die Welt kam, war seine Mutter gerade volljährig.

Dem Stern erzählte er einmal, dass sein Vater, ein Polizist, bei der Geiselnahme von Gladbeck 1988 mit dem Mobilen Einsatzkommando den Geiselnehmern hinterhergejagt sei. Als Böhmermann 17 Jahre alt war, starb sein Vater an Leukämie.

Inzwischen ist Böhmermann selbst Vater „mehrerer Kinder“, wie er sagt. Wie viele Kinder er hat und wie die Lebensgefährtin heißt, ist unbekannt.

Schon als 15-jähriger Schüler verfasste er Kabarett-Rezensionen für eine Lokalzeitung, heuerte mit 17 als Reporter bei Radio Bremen an, wo er auch volontierte. Er studierte Geschichte, Soziologie sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften - brach das Studium jedoch ab.

2004 ging er als Komiker zum WDR nach Köln. Dort bekam er 2007 seine erste Fernsehsendung („Echt Böhmermann“). Die „Welt“ verriss die sechsteilige Impro-Comedy-Show damals: „Peinlich, peinlicher, Böhmermann“.

Allerdings war er von nun an im Geschäft. Er veralberte Lukas Podolski im WDR-Radio, bekam für die RTL-Sendung „TV-Helden“ 2009 den Deutschen Fernsehpreis und wurde Teil des Harald-Schmidt-Ensembles. 2012 moderierte er mit Charlotte Roche eine Talkshow, in der die Gäste rauchen und Alkohol trinken durften. Mit seiner Bekanntheit stieg auch sein Selbstbewusstsein. In einem Interview mit der Kölnischen Rundschau sagte er: „Ich bin die fünfte Gewalt.“ Mittlerweile ist er mit seiner satirischen Latenight-Show „Neo Magazin Royale“ bei ZDF Neo zu sehen. Zuletzt sahen ihm 290.000 Menschen zu.

Um seine Provokationen zu streuen, ist er auf Einschaltquoten aber schon lange nicht mehr angewiesen. Denn auf Facebook und Twitter hat er jeweils weit mehr als eine halbe Million Fans.

HINTERGRUND:

Erdogan, Varoufakis, Podolski - die prominentesten Opfer von Jan Böhmermann 

• Recep Tayyip Erdogan ist das jüngste Opfer des Satirikers Jan Böhmermann. Der Satiriker hatte sich am 31. März in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ mit einem Schmähgedicht über den türkischen Staatspräsidenten lustig gemacht - und könnte diesmal den Bogen überspannt haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Beleidigung von Organen oder Vertreter ausländischer Staaten. Laut Spiegel hat sich der Komiker in der Affäre sogar an Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) gewandt. Dieser soll laut Böhmermann versprochen haben, sich zu melden, habe das aber nicht getan. In dem Gedicht unterstellt Böhmermann dem türkischen Präsidenten Kindesmissbrauch, Serienmord und Geschlechtsverkehr mit Tieren. Das ZDF hat das entsprechende Video inzwischen gelöscht.

• Auch im März 2015 sorgte Böhmermann für Schlagzeilen. Er behauptete, ein in Günther Jauchs Fernsehsendung vorgestelltes Video, auf dem der damalige griechische Finanzminister Giannis Varoufakis den Stinkefinger zeigt, manipuliert zu haben. Da ihm viele Medien anfangs glaubten, schrieb Böhmermann mit seiner Satire-Aktion Fernsehgeschichte - und wurde dafür erneut mit einem Grimme-Preis geehrt.

• Bereits 2005 machte Böhmermann sich auf Kosten des Fußballers Lukas Podolski lustig. In der Hörfunkparodie „Lukas' Tagebuch“ auf dem Sender Eins Live (WDR) veralberte er den deutschen Nationalspieler. Podolski klagte gegen den Moderator, verlor aber. Die Affäre sorgte dafür, dass „Poldi“ während der Fußball-WM 2006 der ARD keine Interviews gab. Jan Böhmermann ist auch dafür verantwortlich, dass Podolski fälschlicherweise das Zitat „Fußball ist wie Schach - nur ohne Würfel“ zugeschrieben worden ist. Da auch das Sportmagazin Kicker das Zitat lange Zeit für bare Münze nahm, wäre es 2008 von der Deutschen Akademie für Fußballkultur beinahe zum Fußballerzitat des Jahres gewählt worden.

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