Interview mit Tierschutzbeauftragter

Börse für exotische Tiere: „Angebot wie auf dem Flohmarkt“

Wird bis zu 20 Jahre alt und fast zwei Meter lang: Der Leguan. Exotische Tiere werden in Börsen oft kommerziell gehandelt und spontan gekauft. Das stößt bei der hessischen Tierschutzbeauftragten Madeleine Martin auf Kritik. Foto: dpa

Wiesbaden. Börsen für Exoten werden zunehmend kommerziell. Die Tiere werden dort oft zu niedrigen Preisen angeboten, Käufer müssen kein Fachwissen nachweisen.

Wir sprachen darüber mit der hessischen Tierschutzbeauftragten, Madeleine Martin.

Frau Dr. Martin, Sie kritisieren Börsen mit exotischen Tieren, die auch in Hessen stattfinden. Was ist daran so schlimm?  

Madeleine Martin: Früher waren diese Börsen Austauschforen für sachkundige Tierliebhaber. Das hat sich dramatisch geändert, weil die Börsen kommerziell geworden sind. Es kommen Gewerbetreibende aus aller Herren Länder. Sie bieten die Tiere wie auf einem Flohmarkt an. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Tiere oft nicht nur in zu kleinen Behältern, ohne Rückzugsmöglichkeit oder unter ungünstigen Klimabedingungen gehalten und angeboten werden, sondern dass auch die kontrollierenden Behörden Missstände oft nicht erkannt haben.

Wer genehmigt und kontrolliert die Tierbörsen? 

Martin: Die örtlichen Veterinärämter. Ein Amtstierarzt kann sich aber nicht mit allen Tieren gleich gut auskennen. Viele, aber nicht alle Veterinärämter kooperieren mit externen Sachverständigen beispielsweise für Reptilien. Börsen können im Rahmen der vielen Dienstaufgaben auch nicht immer ein Schwerpunkt sein.

Wie werden die Tiere auf den Börsen präsentiert? 

Martin: Das ist eventartig und führt häufig zu Spontankäufen. Diese sind aber für die Tiere nicht gut. Studien von Universitäten belegen, dass die Haltungsbedingungen für Reptilien oft nicht ausreichen, Halter nicht sachkundig sind.

Müssen die Käufer exotischer Tiere ihre Qualifikation nachweisen, sie artgerecht halten zu können? 

Martin: Nein. Das ist ein weiteres Problem. Viele Leute glauben, Reptilien sind ganz einfach zu halten. Das stimmt aber nicht. Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssen zum Beispiel richtig eingestellt und je nach Tierart stabil gehalten werden. Das wird häufig komplett übersehen, weil die Tiere ohne großes Nachdenken auf den Börsen gekauft werden.

Muss der Verkäufer über die Haltung der Tiere aufklären? 

Martin: Ein sachkundiger Verkäufer muss es tun. Bei den gewerblichen Börsen kann man aber oft keinerlei Beratung erkennen. Beispielsweise Kornnattern oder Bartagamen werden als Anfängertiere zu sehr niedrigen Preisen angeboten. Das verführt Unkundige leicht.

Wie könnten diese Missstände abgestellt werden? 

Martin: Durch mehr Sachkunde. Das fordere ich für alle Tierhalter, nicht nur für die von exotischen Tieren. Das gilt auch für Hunde. Viele Menschen informieren sich vor dem Tierkauf einfach nicht richtig. Ein großes Problem ist dabei auch der Internethandel mit Tieren.

Was passiert, wenn sich später herausstellt, dass die Besitzer mit den Tieren nicht umgehen können? 

Martin: Dann werden sie zumeist ins Tierheim abgegeben. Es gibt in Hessen auch ausgewiesene Auffangstationen für Reptilien. Dort landen insbesondere große oder auch gefährliche Arten.

Viele auch heimische Tiere werden in Bau- und Gartenmärkten angeboten. Ist das in Ordnung? 

Martin: Ich halte es für schlecht, dass Tiere zusammen mit Regalen und Schrauben angeboten werden. Das ist Tieren nicht angemessen. Es ist auch einer der Gründe, warum die Tierheime überquellen. Allerdings gibt es für die Märkte klare Vorgaben und dort auch einzelne qualifizierte Berater. Besser ist es, zunächst in den Tierheimen zu schauen oder die Tiere bei seriösen Züchtern zu kaufen.

Zur Person 

Dr. Madeleine Martin (55) ist seit 1992 Tierschutzbeauftragte des Landes Hessen. Zuvor arbeitete sie als praktische Tierärztin und Amtstierärztin. Sie hat zwei Kinder und einen Hund. Sie lebt bei Wiesbaden.

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