Buchautor hält Euro für Fehlkonstruktion

Börsenexperte Dirk Müller: „Kohls Sorge ist sehr berechtigt“

Europa ist in keinem guten Zustand." Das schreibt Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl in seinem neuen Buch. Wir sprachen darüber mit dem Buchautor Dirk Müller.

Herr Müller, wie berechtigt ist Helmut Kohls Sorge? 

Dirk Müller: Sie ist sehr berechtigt. Kohl ist ein großer Europäer. Er gehört zu jener Politikergeneration nach dem Supergau des Zweiten Weltkriegs, die daraus gelernt hat, die nationalen Egoismen und Machtinteressen etwas zurückzustellen, damit sich so etwas nicht wiederholt. Das war noch eine Generation von erschrockenen Männern, die zur Vernunft gekommen war. Das historische Friedensprojekt Europa, das dabei herausgekommen war, gerät jetzt in der Tat in große Gefahr.

Welche Fehler sehen Sie? 

Müller: Der Euro ist definitiv einer. Kohl hebt ja zu Recht die verbindende und identitätsstiftende Wirkung der gemeinsamen Währung hervor. Aber er bezieht sich nicht so sehr auf die wirtschaftliche Seite. Doch genau hier liegen die Probleme. Mit dem Euro haben wir die wichtigste Funktion von unterschiedlichen Währungen ausgeschaltet, nämlich unterschiedliche wirtschaftliche Verhältnisse in Ländern mit ihren Wirtschaftsweisen auszugleichen. Das ist ja allein schon innerhalb Deutschlands, etwa zwischen dem Saarland, Bremen und Bayern extrem schwierig. Und diese Probleme haben wir in Europa in XXL.

Angela Merkel und Wolfgang Schäuble versuchen, in Europa Standards durchzusetzen. Was halten Sie davon? 

Müller: Das ist völlig aussichtslos, unmöglich. Man wird Länder wie Griechenland und Spanien niemals auf das gleiche Produktivitätsniveau wie de Niederlande oder die Bundesrepublik heben - was übrigens nicht an den Menschen liegt. Aber die Wirtschaftssysteme sind in unglaublich vielen Einzelheiten zu unterschiedlich.

Sie plädieren für die Abschaffung des Euro?

Müller: Das muss es nicht unbedingt heißen. Es gibt die Überlegung, den Euro in Form von Geld und Staatsanleihen, als internationale Währung zu erhalten, daneben aber wieder die nationalen Währungen einzuführen. Darin würden etwa die nationalen Steuern beglichen, jedes Land könnte wieder in seinem Tempo und auf seine Art wirtschaften, was sich im Wert der Währung ausdrücken würde. Die EZB würde all diese Währungen stützen und schützen. Der Euro bliebe neben all dem eine zentrale Referenzwährung, wie es der ECU einst war.

Wie finden Sie die Europapolitik der Bundesregierung? 

Zur Person: Dirk Müller

Der Börsenmakler und Buchautor Dirk Müller (46) wurde als eloquenter und kundiger Gesprächspartner im Fernsehen über Finanzmärkte und Eurokrise bekannt. Der aus dem Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg stammende gelernte Bankkaufmann und spätere Buchautor erwarb sich den Spitznamen "Mr. Dax". Seit 2009 ist Dirk Müller Inhaber und Geschäftsführer der Finanzethos GmbH, die die Website cashkurs.com betreibt und Börsenbriefe verlegt. Von Müller, der mit seiner Familie an seinem Heimatort lebt, ist eine aktualisierte Ausgabe seines Buchs über die Eurokrise erschienen:

Showdown: Der Kampf um Europa und unser Geld. Dromer. 302 Seiten, 19,99 Euro.

Müller: Ich halte die Sparpakete und die Pressionen auf unsere Nachbarn für völlig verfehlt. Merkel hat doch selbst das Gegenteil von dem gemacht, was sie heute von unseren Nachbarn verlangt. Wir haben in der Krise 2008/2009 doch selbst massiv Geld investiert - denken Sie an das Kurzarbeitergeld und die Abwrackprämie. Die Sparpolitik ohne begleitende Konjunkturprogramme führt unsere europäischen Nachbarn in die Katastrophe.

Warum? 

Müller: Denken Sie an Spanien mit 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Das ist eine verlorene Generation ohne Hoffnung, ohne Ausbildung, ohne Berufserfahrung. Wie sollen die mal einen Staat, eine Industrie aufbauen? Das Gleiche gilt für Griechenland und Italien. Mit jedem Jahr, in dem dieses Siechtum weitergeht, zerstören wir die lokale Industrien. Die Firmen wandern ab. Und das wird nicht mehr aufgebaut. Kohl hat Recht: Wir laufen Gefahr zu verspielen, was wir in Jahrzehnten erreicht haben.

Erhöhen Investitionen nicht nur unsere Schulden? 

Müller: Das muss nicht so sein. Die Politik muss dafür sorgen, dass aus Eigenkapital investiert wird. Bei Privaten, Versicherungen und Unternehmen liegen riesige Summen. Und wir denken nur wieder darüber nach, ob der Staat sich Geld leihen sollte?

Was kann die Politik tun? 

Müller: Sie kann zwar keine Erträge aus Investitionen garantieren. Wenn sie aber das eingesetzte Geld garantieren würde, könnte die Politik einen Investitionsboom auslösen, der ganz Europa modernisieren könnte. Staatlich garantierte private Investitionen in Infrastruktur, etwa in neue Kraftwerke, sind allemal besser als dreistellige Milliardensummen für griechische Banken, die ohnehin nie wieder zurückgezahlt werden.

Was bedeutet all dies für kleine Sparer, für Rentner und Mieter in Deutschland? 

Müller: Wer etwas Geld übrig hat, ich rede von mehr als 1000 Euro, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich an Unternehmen zu beteiligen, also Aktien zu kaufen. Es wird immer neue Erfindungen und geschäftlichen Erfolg geben, jedenfalls insgesamt und unter dem Strich. Ich würde empfehlen, sich an acht bis zehn guten Unternehmen in Europa und den USA zu beteiligen.

Hintergrund: Helmut Kohl: Rot-Grün hat Europa auf schiefe Ebene geführt

Helmut Kohl (84) hat in seinem neuen Buch scharf mit den beiden rot-grünen Nachfolgerregierungen unter Gerhard Schröder (1998-2005) abgerechnet. So hätte der Aufnahme Griechenlands in den Euroraum nicht zugestimmt werden dürfen. Auch hätte der Stabilitätspakt zur Einhaltung der Haushaltsdisziplin in den Euro-Mitgliedstaaten nach der Einführung des Euro nicht in Frage gestellt, gebrochen und schließlich aufgeweicht werden dürfen. Dies sei ein Schandstück deutscher Politik gewesen und ein Verrat an der engen deutsch-französischen Zusammenarbeit.

Von Tibor Pézsa

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