Interview

Börsenexperte Müller zur Griechenland-Krise: "Eine Schande für Europa"

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Am Samstag soll die Griechenland-Krise gelöst werden, der Schuldenstreit belastet weiter den deutschen Aktienmarkt. Fragen zu Euro und Grexit an den Finanzexperten Dirk Müller.

Der Normalbürger wünscht sich ein Ende mit Schrecken statt eines Schreckens ohne Ende. Hat ein Finanzexperte Verständnis für solche Sicht? 

Dirk Müller: An der Börse sehen wir das auch so. Aber geht es um ein ganzes Volk und die EU. Da muss man sich mit diesen Dingen immer wieder beschäftigen.

Wer ist der Schuldige dafür, dass es auch auf dem zeitlich allerletzten Drücker immer noch keine Einigung gibt? 

Müller:  Mit Schuldigen ist das so eine Sache. Denn die Probleme jetzt sind nicht vom Himmel gefallen, sondern es sind seit Jahren Fehler gemacht worden.

Welche Fehler? 

Müller:  Milliarden sind von unseren Banken an Griechenland geflossen, ohne dass sie die Risiken hinreichend geprüft haben. Dann haben wir die Banken rausgehauen und die Kosten denSteuerzahlern aufgebürdet Und schließlich haben wir die falsche Medizin verabreicht. Denn so richtig es ist, dass sich Griechenland neu erfinden muss, so notwendig wäre es gewesen, die eingeforderten Sparpakete und Reformen auf dem Arbeitsmarkt oder im Katasterrecht mit Investitionen in die Infrastruktur zu begleiten. So wie wir das auch getan haben.

Können Sie das bitte erläutern? 

Müller:  Deutschland hat 2008/2009 in die Krise investiert, zum Beispiel mit der Abwrackprämie. Auch die Agenda 2010 wurde von Konjunkturmaßnahmen begleitet.

Ein Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone oder ein Rauswurf steht trotz aller Dementis im Raum. Ist er den Menschen zuzumuten? 

Müller: Eigentlich nicht. Die USA hatten auf dem Höhepunkt der großen Depression von 1929 bis 1933 21 Prozent Arbeitslose. Die griechische Quote liegt jetzt schon bei 26. Prozent. Und nun wird von ihnen gefordert, nochmals kräftig zu sparen, die Renten noch weiter zu kürzen. Und das vor dem Hintergrund, dass in Griechenland Kinder hungern. Diese falsche Politik ist eine Schande für Europa.

Wenn es doch zum Grexit kommt, was würde er für Griechenland bedeuten? 

Müller: Die ersten zwei Jahre würden brutal werden. Man muss von einer 40- bis 50-prozentigen Abwertung ausgehen. Man würde keine internationalen Kredite mehr bekommen, die aber dringend notwendig wären, um etwa Heizmaterialen oder Medikamente importieren zu können.

Bis die Vorteile einer eigenen, niedrigen Währung - günstigerer Tourismus etwa - zu greifen beginnen, wäre die Linksregierung am Ende und aus Wahlen könnten die Rechtsaußen als Sieger hervorgehen.

Eine eigene Währung hätte also Vorteile? 

Müller:  Eine Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung aller EU-Länder von 2006 bis 2014 zeigt, dass die Länder mit eigenen Währungen erheblich mehr vom europäischen Binnenmarkt profitiert haben, als die Länder, die an den Euro gekettet sind.

Was wäre also der richtige Weg? 

Müller:  Alle müssten akzeptieren, dass Griechenland mit dem Euro überfordert ist und es seine eigene Währung braucht. Es müsste einen geordneten Übergang in die Drachme geben und wirtschaftliche Unterstützung, um den Einbruch abzufedern.

Viele Deutsche fürchten, dass bei einem Grexit auch bei uns alles wirtschaftlich den Bach runtergeht. 

Müller:  Diese Gefahr besteht nicht. Griechenland erbringt fünf Prozent der Wirtschaftsleistung der EU, es hat die Wirtschaftskraft des Landes Hessen, das reicht nicht, um Europa nachhaltig zu erschüttern.  

Der Börsenmakler („Mr. Dax“) und Buchautor Dirk Müller („Der Kampf um Europa und unser Geld“, Droemer) wurde durch das Fernsehen als eloquenter und kundiger Gesprächspartner über Finanzmärkte und Eurokrise bekannt. Der aus Reilingen (Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg) stammende Bankkaufmann ist seit 2009 Inhaber und Geschäftsführer der Finanzethos GmbH, die die Website cashkurs.com betreibt und Börsenbriefe verlegt. Am April 2015 wurde sein Aktienfonds Dirk Müller Premium Aktien aufgelegt. Müller ist verheiratet, hat einen Sohn, und lebt an seinem Heimatort.

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