Vor Ort: Unser Reporter erlebte die Angriffe der israelischen Armee

Bomben bis zum frühen Morgen: Korrespondent berichtet aus dem Gazastreifen

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Angst und Verzweiflung: Für die Menschen im Gazastreifen gibt es kein Entrinnen vom Krieg.

Gaza. Gaza hat die schlimmste Bombennacht seit Beginn der israelischen Offensive erlebt. Auch Dienstag gingen die Angriffe weiter. Das Kraftwerk in Gaza geriet in Brand. Unser Reporter war vor Ort und schildert seine Eindrücke.

Eine Spielzeugpistole schwimmt in einer Blutlache. Daneben liegt ein Paar Sandalen, das einem der acht Kinder gehörte, die bis vor wenigen Minuten noch lebten und in dem kleinen Park des Beach Refugee Camps in Gaza-Stadt vielleicht Fangen spielten oder Fußball. Der Ort der Explosion ist ein Ort des Grauens.

Anwohner versuchen eine schreiende Frau, die ihre Schwester verloren hat, zu beruhigen. Ein Mann liegt bewusstlos auf der Straße. Ein Arzt versucht, ihn wiederzubeleben. Szenen eines inzwischen normalen Nachmittags in Gaza- Stadt.

Die Palästinenser machen einen israelischen Luftangriff für die Explosion am Park verantwortlich, ein Sprecher des israelischen Militärs bestreitet dies und gibt einer fehlgeleitete Rakete der Hamas die Schuld.

Wenige Stunden später: Eine normale Nacht in Gaza- Stadt. Israelische F16- und F22-Kampfjets donnern mit gewaltigem Lärm im Tiefflug über uns. Es folgt eine Darbietung geballter militärischer Zerstörungskraft, deren Dauerbeschuss die Bevölkerung des Gazastreifens kollektiv in Todesangst versetzt.

Während ich diese Zeilen schreibe, um mich zu beruhigen, bin ich nicht im Al Deira Beach Hotel am Strand von Gaza, in dem die ausländischen Korrespondenten Schutz suchen. Ich bin im Wohnhaus einer muslimischen Familie im Zentrum von Gaza-Stadt. Ich höre, wie in den Nachbarwohnungen unseres Hauses Babys schreien, verängstigte Kinder in den Armen ihrer Mütter weinen, die Erwachsenen fluchen.

Die Bombardierungen beginnen um 23.30 Uhr Ortszeit mit heftigen Fliegerangriffen auf das Flüchtlingslager Bureji im Zentrum des Gazastreifens. Ab 1 Uhr stehen wir im Stadtzentrum unter Feuer. Die Familie und ich verbarrikadieren uns im Wohnzimmer und hören, wie die Einschläge der Raketen näher zu kommen scheinen.

Morgens um fünf, als das Bombardement noch anhält, kräht der Hahn in unserem Hof. Hoffentlich als finaler Schlussakt. Noch mehr Einschläge verkraften wir nicht.

Doch wenige hundert Meter von uns trifft eine Rakete die Al Amin Moschee, die ich gestern noch fotografiert habe und die direkt neben einem Haus des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas (Fatah) liegt.

Später erfahren wir, dass in dieser Nacht auch das Haus von Ismael Hanija, palästinensischer Ministerpräsidenten und Hamas-Führer, zerstört wurde.

Inzwischen ist uns klar, dass dies doch keine ganz normale Nacht ist in Gaza-Stadt. „Es sind die heftigsten Angriffe seit Beginn des Krieges vor drei Wochen“, sagt ein Bewohner.

Jetzt, am Dienstagmorgen, als die Angriffe nachlassen, auf dem Weg in das Al Deira Beach Hotel, um diesen Text zu senden, wird mir das Ausmaß der Zerstörung dieser Nacht deutlich. Überall in den Straßen liegen Scherben und Trümmer. Die Menschen von Gaza, die diese Nacht überlebt haben, beginnen ihre Toten zu zählen.

Von Martin Lejeune

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