Exklusiv-Interview

Nordkoreas Botschafter: "USA wollen ganz Korea in ihre Hand bekommen"

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Ri Si-Hong im Interview mit unseren Korrespondenten Werner Kolhoff und Stefan Vetter

In seinem ersten Interview für ein deutsches Medium überhaupt hat Nordkoreas Botschafter in Berlin, Ri Si-Hong, die Entspannungsbereitschaft seiner Regierung gegenüber dem Süden unterstrichen. Die Nordkoreaner haben einen anderen Feind im Visier.

Noch in diesem Monat sollen neue Begegnungen zwischen Familien aus beiden Ländern zugelassen werden, die durch die Teilung auseinander gerissen waren. Der nordkoreanische Botschafter Ri Si-Hong versprach weitere Erleichterungen.

Allerdings war das Gespräch mit unseren Berliner Korrespondenten Werner Kolhoff und Stefan Vetter auch immer wieder von scharfen Angriffen geprägt - ausdrücklich nicht gegen Südkorea, sondern gegen die USA.

Frage: Sie haben um dieses Interview gebeten. Aus welchem Grund?

Antwort: Unser Verteidigungskomitee hat Südkorea angeboten, die gegenseitigen Beleidigungen einzustellen und alle feindlichen militärischen Aktivitäten zu stoppen. Wir werden entsprechende einseitige Maßnahmen ergreifen, um unsere Ernsthaftigkeit zu unterstreichen. Zugleich haben wir die südkoreanische und amerikanische Seite aufgefordert, ihre für Ende Februar geplanten gemeinsamen Manöver zu stoppen.

F.: Wie wollen Sie die Ernsthaftigkeit Ihres Angebotes konkret beweisen?

A.: Seit dem 30. Januar haben wir unsere militärische Präsenz in den besonders umstrittenen Regionen um die Inseln an der Westküste bereits verringert und alle Aktivitäten eingestellt, die die andere Seite reizen könnten. Wir sind bereit zu Gesprächen über Familientreffen und die Nutzung touristisch interessanter Orte, darunter das Kumgang-Gebirge. Südkoreaner und Amerikaner sollten jetzt eine mutige Entscheidung treffen und sich mit uns an einen Tisch setzen, dann werden sie sehen, ob wir es ernst meinen oder nicht.

F: Gilt das Angebot auch dann noch, wenn die geplanten Manöver stattfinden?

A.: Die südkoreanisch-amerikanischen Manöver zielen auf unser Land. An ihnen nehmen über 200.000 Soldaten teil, und es werden modernste Waffen, atomare Flugzeugträger, U-Boote und strategische Bomber eingesetzt. Unsere Forderung an Südkorea ist es, diese Manöver zu stoppen, die sich zusammen mit ausländischen Kräften gegen die eigenen Landsleute richten. Wir haben Südkorea nicht aufgefordert, seine eigenen normalen Militärübungen aufzugeben.

F.: Und wie werden Sie reagieren, wenn Südkorea und die USA darauf nicht eingehen?

A.: Es ist jetzt nicht die Zeit Spekulationen anzustellen. Jetzt sollten alle Seiten sich darauf konzentrieren, die Spannungen zu verringern.

F.: Geht es Ihnen mit diesem Interview auch darum, ihr Land in der deutschen Öffentlichkeit besser darzustellen?

A.: Deutschland hat die Tragödie der Teilung überwunden und seine Einheit friedlich erreicht. Ich habe hier gelernt, dass die Deutschen und die anderen Europäer sehr viel Wert auf den Dialog legen und wünschen, dass sich auch die Lage auf der koreanischen Halbinsel auf der Grundlage dieses Prinzips entspannt. Wir als Nation, Nord- und Südkorea, können unsere Wiedervereinigung erreichen, wenn ausländische Kräfte sich nicht mehr einmischen.

F.: Warum erklärt Nordkorea nicht, dass es auf weitere Atomtests verzichtet, die Anreicherung von Uran stoppt und die Gespräche über sein Atomprogramm wieder aufnimmt?

A.: Die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel ist unser Ziel. Wir haben die amerikanische Seite immer wieder aufgefordert, Gespräche aufzunehmen, jedoch stellen die Amerikaner immer wieder Vorbedingungen. Ein Friedensvertrag zwischen Nordkorea und den USA würde automatisch zu einer nuklearen Abrüstung führen. Unsere atomaren Mittel dienen der Abschreckung, um uns vor den USA zu schützen, nicht um irgendjemanden zu bedrohen. Die Amerikaner aber haben auf der koreanischen Halbinsel und in der Umgebung sehr viele nukleare Waffen stationiert, um ihre strategische Asienpolitik zu realisieren. Ihr Ziel ist es, ganz Korea in ihre Hand zu bekommen, um die anderen Großmächte zu bezwingen.

F.: Das ist eine gewagte These.

A.: Gestern stand in der Zeitung US-Today ein Artikel, den unter anderem der Hollywood-Regisseur Oliver Stone mitverfasst hat. Er sagt, dass die USA die massive Militarisierung in Japan unterstützt haben, weil sie China abschrecken wollen. Genau das ist auch der Grund für die amerikanische Korea-Politik. Die USA benötigen die Destabilisierung der koreanischen Halbinsel und eine angebliche Bedrohung durch Nordkorea für ihre langfristige Asien-Strategie. Und wenn wir darauf reagieren, heißt es, wir provozieren. Aber wenn ein Dieb versucht, in mein Haus einzubrechen, werde ich nicht einfach auf dem Sofa sitzen bleiben.

F.: In der Führung Ihres Landes gab es eine Säuberung. Bedeutet die Hinrichtung von Jang Song-Thaek, seiner Familie und seiner Mitarbeiter auch eine Abkehr vom Kurs der vorsichtigen wirtschaftlichen Reformen?

A.: Die Gründe, warum Jang Song-Thaek und seine Bande beseitigt worden sind, sind Ihnen sicher bekannt. Sein Hauptverbrechen war der Versuch eines Umsturzes des Staates. Er hat versucht, in der Bevölkerung und der Armee Unmut zu stiften. Er hat alle Kontrollbehörden sich selbst unterstellt. Dadurch wurde großer Schaden für die Entwicklung unseres Landes und die Lebensverhältnisse der Bevölkerung angerichtet. Durch die Beseitigung von Jang Song-Thaek konnte man die Lage wieder normalisieren. Ich gehe davon aus, dass wir jetzt beim Aufbau der Wirtschaft und bei der Verbesserung der Lebensverhältnisse unserer Bevölkerung wieder bedeutende Fortschritte machen können.

F.: Dafür brauchen Sie Investitionen auch aus dem Ausland. Welche Garantien können Sie dafür geben?

A.: Ja, wir sind sehr interessiert an Investitionen und Technologie aus dem Ausland. Mit elf Ländern in Europa haben wir bereits Investitionsschutzabkommen unterzeichnet; mit der EU verhandeln wir darüber. Außerdem gibt es seit Mai 2013 ein Gesetz über die Wirtschaftszonen, mit dem wir die Investitionen schützen. Auch garantieren wir, dass solche Betriebe nicht verstaatlicht werden. Ausländische Investoren können ihr Geld bei uns beruhigt anlegen.

Unsere Autoren:Werner Kolhoff (57) und Stefan Vetter (53) sind Korrespondenten unserer Zeitung in Berlin.

 Von Werner Kolhoff und Stefan Vetter

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