Ziel Kulturwandel: Vorstand will Techniker, die mit Argumenten überzeugen

VW zum Abgasskandal: „Brauchen keine Ja-Sager“

+
Volkswagen hadert noch immer mit den Folgen des Abgasskandals: Doch in der schwersten Krise in der Geschichte des Konzerns sieht der neue Vorstandsvorsitzende Matthias Müller inzwischen auch einen Treiber des Konzernumbaus.

Wolfsburg. Individuelles Fehlverhalten, persönliche Versäumnisse einzelner Mitarbeiter, dazu Schwachstellen in den Prozessen und eine Haltung in Teilbereichen des Konzerns, Regelverstöße zu tolerieren – aus Sicht von Hans Dieter Pötsch, Aufsichtsratschef des Volkswagen-Konzerns, haben diese Faktoren zum Abgasskandal geführt.

Am schwersten zu akzeptieren sei die dritte Ursache. Gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller gab er am Donnerstag einen Zwischenbericht zum Stand der Abgasaffäre.

Ein schwieriges Unterfangen, ging es doch darum, Willen zur Besserung zu zeigen, aber auch jeden Satz zu vermeiden, der möglichen Klägern Munition liefert. Daher verloren sich etliche Aussagen zum Skandal in Allgemeinplätzen. Zum Sachstand der Affäre gab es wenig Neues, die Aufklärung wurde zur Hauptversammlung am 21. April angekündigt (siehe nebenstehenden Text). Rund 450 Experten arbeiteten an der Aufklärung.

Inzwischen habe man mehr als 1500 elektronische Datenträger von 380 Beschäftigten gesammelt, um Hinweise auf den Ursprung der Affäre zu finden. Es seien 87 ausführliche Interviews im Rahmen der Ermittlungen geführt worden sowie Laptops und Smartphones sicher gestellt worden. Die Datenmenge: 102 Terabyte oder 50 Millionen Bücher.

Hans Dieter Pötsch, VW-Aufsichtsratsvorsitzender

Mehr Gewicht hatten die Aussagen des Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller zum Konzernumbau, damit sich derartige Skandale nicht wiederholen. Die Sätze mit denen er den Kulturwandel ausruft sind knapp: „Den Mutigen gehört die Zukunft bei Volkswagen.“ „Wir brauchen ein Stück mehr Silicon Valley, gepaart mit der Kompetenz aus Wolfsburg, Ingolstadt, Stuttgart und den anderen Konzernstandorten.“ Und: „Wir brauchen keine Ja-Sager, sondern Manager und Techniker, die mit guten Argumenten für ihre Überzeugung und ihre Projekte kämpfen – die unternehmerisch denken und agieren.“

So ernst die Situation auch sei, Volkswagen werde nicht daran zerbrechen. Die Krise sei eine Chance, die VW nutzen werde. Flexibler, digitaler und agiler müsse der Konzern werden. Weniger Kosten, mehr Profit – was auch sonst? Obwohl weltweit milliardenschwere Schadenersatz- und Strafzahlungen drohen, seien Verkäufe beim Zwölf-Marken-Konzern kein Thema. Ernsthafte Einbrüche beim operativen Geschäft erwarten weder Müller noch Pötsch. Die Bestellungen seit Oktober? Müller: „Wir haben auch im November einen hervorragenden Auftragseingang erzielt.“ Das wieder anziehende China-Geschäft helfe dabei.

Mit dem künftigen Unternehmens-Konzept „Strategie 2025“ bekommen die Marken und Regionen mehr Verantwortung. Die Fäden sollen nicht mehr nur in Wolfsburg zusammenlaufen. Um mehr Geld zu verdienen, muss aber erst das Managerproblem gelöst werden. Denn Entscheidungen sollen künftig auch in der zweiten und dritten Reihe gefällt werden. Deshalb setzt Müller auf die Neugierigen, die Unangepassten, die sich nicht „allein von den Konsequenzen eines drohenden Scheiterns leiten lassen“.

Umfrage: Was denken Sie?

In der Freitagsausgabe der HNA finden Sie eine Auswertung unserer nicht repräsentativen Umfragen zu diesem Thema. Die Ergebnisse in der gedruckten Ausgabe setzen sich zusammen aus den Zahlen unserer Onlineumfrage oben (bis Redaktionsschluss am Donnerstag) und den Ergebnissen einer telefonischen Umfrage unseres Kundendienstes.

Was wir wissen und was nicht

Am Donnerstag zog Volkswagen eine erste Zwischenbilanz des Abgasskandals – ein Überblick:

Der Skandal:  Die US-Umweltbehörde EPA teilte am 18. September mit, dass VW mit Hilfe einer Software Stickoxid-Messwerte von Dieselautos bei Tests auf Prüfständen manipuliert hat, um die Vorgaben der Behörden zu erfüllen. VW gab die Aktion zu. Manipuliert wurden bis zu 11 Millionen Dieselmotoren weltweit.

Der Ausgangspunkt: Laut VW war es eine groß angelegte Diesel-Offensive im Jahr 2005. Der Konzern steckte in den USA in einer Absatzkrise. Es sei kein Weg gefunden worden, um die strengeren Stickoxid-Normen in den USA rechtzeitig und im Kostenrahmen zu erfüllen. So sei es zum Einbau der Software gekommen. Drei Faktoren seien zusammengekommen, sagte am Donnerstag der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch: individuelles Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter, Schwachstellen in den Prozessen und in einigen Bereichen eine Haltung, Regelverstöße zu tolerieren.

Die Verdächtigen: VW geht davon aus, dass nur ein kleiner Kreis von Mitarbeitern von den veränderten Programmen in der Motorsteuerung wussten. Wer am Ende die Verantwortung trägt, ist offen. Vorstand und Aufsichtsrat hätten davon nichts gewusst. Bisher hat VW neun Mitarbeiter beurlaubt – darunter der Werkleiter des Kasseler VW-Werks, Falko Rudolph. Konzernchef Martin Winterkorn, der schon im September zurücktrat, weist jede persönliche Verantwortung von sich. Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg hat den Konzern bereits verlassen.

Die Aufklärer:  Bei VW läuft eine eigene interne Untersuchung. Sie soll in Kürze abgeschlossen sein. Zusätzlich geht auch die US-Kanzlei Jones Day der Geschichte nach. Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig ermittelt unter anderem wegen Betrugsverdachts gegen mehrere Mitarbeiter. Rasche Ergebnisse erwartet die Behörde nicht, auch VW verweist auf ungeheure Datenmengen, die ausgewertet werden müssen. Bis zur Hauptversammlung am 21. April soll es einen vollständigen Überblick über den Skandal geben.

Die Ergebnisse:  Aus VW-Sicht hat sich ein Verdacht nicht bestätigt: Neben den Diesel-Manipulationen hatte der Konzern selbst verdächtige Abweichungen bei der Messung von CO2-Werten öffentlich gemacht. Am Mittwoch gab VW Entwarnung: Nur 36 000 statt der befürchteten 800 000 Autos seien betroffen. Zudem gebe es keinen Verdacht mehr, dass es rechtswidrige Veränderungen gegeben habe. (Siehe nächste Seite)

Die Kosten:  Volkswagen hat bereits 6,7 Milliarden Euro für die Nachbesserungen an den Fahrzeugen zurückgelegt. Völlig unklar ist, was die Rechtsstreitigkeiten etwa in den USA kosten werden. Dort sind über 500 Klagen anhängig. Auch in Deutschland sind Klagen eingegangen. Zudem hat sich der Konzern eine Kreditlinie über 20 Milliarden Euro gesichert. (mit dpa)

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.