Wissenschaftler im Interview: Noch zu viele Kontakte

Pandemie-Experte Brockmann zu Corona: „Alles was geht, muss heruntergefahren werden“

Zu viele Pendler: Nach Ansicht des Experten Dirk Brockmann müssten Kontakte auch im Berufsverkehr stärker reduziert werden. Das Bild entstand in Düsseldorf.
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Zu viele Pendler: Nach Ansicht des Experten Dirk Brockmann müssten Kontakte auch im Berufsverkehr stärker reduziert werden. Das Bild entstand in Düsseldorf.

Obwohl Deutschland sich seit Wochen im Lockdown befindet, bleiben die Corona-Fallzahlen auf einem hohen Niveau. Der Lockdown habe zwar gewirkt, aber eben noch nicht genug, sagt der Physiker Dirk Brockmann.

Brockmann arbeitet an der Humboldt-Universität zu Berlin und am Robert-Koch-Institut und ist Experte für computergestützte Modellierung von Pandemien. Wir sprachen mit ihm über mögliche Verschärfungen der geltenden Regeln.

Herr Brockmann, warum wirkt der Lockdown nicht so, wie er es soll?
Das ist derzeit natürlich die Gretchenfrage. Wir sind durch den erst weichen und später härteren Lockdown aus dem unkontrollierten, exponentiellen Wachstum herausgekommen. Offenbar sind die Kontakte aber nicht so stark reduziert worden, dass die Zahl der Neuinfektionen wieder sinkt, und nun sind wir in einer Situation in der täglich mehr als 1000 Menschen sterben. Hier und da gibt es aber leichte Indizien dafür, dass wir auf einem guten Weg sind.
Was sind das für Indizien?
Es gibt neben den täglichen Meldezahlen auch beispielsweise Zahlen zu Hospitalisierungen und dem Anteil der Intensivpatienten. Ein paar dieser Kurven zeigen einen ganz leichten Abwärtstrend an, aber das ist wirklich nur eine kleine Lücke in der dunklen Wolkendecke, die sich auch schnell wieder zuziehen kann. Wir haben schon erlebt, wie schnell es wieder in eine negative Richtung gehen kann. Diese kleinen Lichtblicke sind also sehr mit Vorsicht zu genießen.
Bund und Länder wollen schon nächste Woche wieder über das weitere Vorgehen beraten. Welche Stellschrauben kann die Politik überhaupt noch anziehen?
Wie gesagt bleibt das oberste Ziel die weitere Reduktion der Kontakte. Besonders die Arbeit in Büros und der damit verbundene Berufsverkehr lässt sich sicher noch weiter einschränken. Erinnern Sie sich an die Situation im Frühjahr: Da war nichts mehr los, die Menschen sind sich sehr stark aus dem Weg gegangen. Das hat gewirkt. Auch Daten aus anderen Ländern zeigen, dass kurzfristige aber intensive Maßnahmen besser wirken – natürlich nur, solange die Leute auch mitmachen.
Was halten Sie von der 15-Kilometer-Regel zur Kontaktreduzierung?
Der Radius, in dem man sich Bewegen darf, lässt sich sicher noch stärker einschränken. Das würde den Effekt auf die Ausbreitung des Virus sicher verstärken. Das wurde bereits in vielen anderen Ländern so gemacht.
Mitte Dezember haben Sie einen Aufruf der Leopoldina unterzeichnet, in dem ein strikter Lockdown gefordert wurde. Hat die Politik damals angemessen auf die Situation reagiert?
Im Nachhinein lassen sich diese Entscheidungen immer einfach kritisieren. Was wir aus der Vergangenheit lernen, ist, dass wir eine gemeinsame Kraftanstrengung brauchen, um die Zahlen wieder zu drücken. Wir müssen aber auch anerkennen: Die Maßnahmen wirken schon, deshalb sind wir aus den großen Wachstumsraten rausgekommen. An Weihnachten haben die Menschen, denke ich, sehr gut mitgemacht. Lange Reisen sind weitestgehend ausgeblieben, und es ist nicht zu einem sprunghaften Anstieg gekommen, wie das beispielsweise in Irland zu beobachten ist.
Reichen bloße Appelle an die Bevölkerung noch aus?
Das ist eine Frage, die eher von Politikern selbst oder auch von Psychologen zu beantworten ist. Für mich ist es menschlich total nachvollziehbar, dass die Leute müde werden. Wir bringen große Opfer, die auch mit harten Schicksalen verbunden sein können. Aber es hilft alles nichts: Wir brauchen einen mehrwöchigen, konzentrierten und kollektiven Stopp, damit wir aus dieser Lage rauskommen. Alles was geht, muss heruntergefahren werden. Wenn wir bei Inzidenzen von unter 50 Neuinfektionen pro sieben Tage landen, können auch Infektionsketten wieder nachverfolgt werden.
Ihr Fachgebiet ist die Analyse von Mobilitätsdaten, etwa aus dem Mobilfunknetz. Was lernen Sie aus diesen Daten?
Die Mobilitätsdaten sind in mehrfacher Hinsicht wichtig. Zum einen ist Mobilität etwas, was das Virus von A nach B trägt. Die Beobachtung dieser Ausbreitungswege war besonders zu Beginn der Pandemie wichtig. In der jetzigen Phase, mit einem diffusen Infektionsgeschehen, ist das nicht mehr so zentral. Zum anderen können wir aber beobachten, wie sehr Menschen auf Maßnahmen reagieren. Ein Beispiel: Sachsen ist Mitte Dezember zwei Tage vor allen anderen Ländern in den harten Lockdown gegangen. Das konnte man auch in unseren Daten sehr genau beobachten. Im Rest des Landes waren die Städte für zwei Tage nochmal voll, in Sachsen nicht. So was hat natürlich auch Einfluss auf Infektionszahlen.
Können Sie Vergleiche zum Frühjahr ziehen?
Beim ersten Lockdown ist die gesamte Mobilität innerhalb kürzester Zeit um 40 Prozent gesunken, in Städten bis zu 70 Prozent, längere Reisen sind quasi komplett weggefallen. Im zweiten Lockdown war das nicht so stark zu beobachten und regional sehr unterschiedlich. Ein gleichzeitiges Einschränken der Mobilität ist aber weitaus wirkungsvoller.
Muss die Ausbreitung der Virus-Mutationen schärfer beobachtet werden?
Auch diese neuen Mutationen brauchen Kontakte, um sich zu verbreiten. Der wichtigste Ansatzpunkt bleibt also unverändert. Wir dürfen aber nicht vergessen: Die Pandemie findet global statt, wir müssen also mit weiteren Mutationen rechnen. (Von Gregory Dauber)

Zur Person: Dirk Brockmann

Prof. Dirk Brockmann (51), ist Physiker und arbeitet am Institut für Biologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Am Robert-Koch-Institut leitet er die Projektgruppe „Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten“. Außerdem hat er eine assoziierte Professur an der Northwestern University (Illinois, USA) inne. Er studierte Mathematik und Physik in den USA und in Göttingen, wo er auch promovierte.

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