Bildungsforscher: „Auch 14-Jährige wählen lassen“

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Bremen/Kassel. In Bremen durften 16-Jährige jetzt erstmals an einer deutschen Landtagswahl teilnehmen. Jugendforscher Hurrelmann fordert sogar, schon 14-Jährige wählen zu lassen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

Wir billigen 16-Jährigen nicht zu, Verträge abzuschließen, sie dürfen nicht in Spielkasinos und Solarien. Aber in Bremen durften sie jetzt an Landtagswahlen teilnehmen. Ein Widerspruch?

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Klaus Hurrelmann: Nein. Die von Ihnen genannten Beispiele betreffen Schutzrechte. Beim Wahlrecht geht es dagegen um die Frage: Mit welcher Berechtigung wird ein Teil der Bevölkerung von dem ausgeschlossen, was Demokratie ausmacht. Es gibt keine mehr. Denn junge Leute haben sich in den vergangenen Jahren beschleunigt weiterentwickelt: Die Pubertät ist im Lebenslauf nach vorne gerückt und wir selbst muten ihnen in unser heutige modernen Gesellschaft sehr viel Verantwortung und Entscheidung für Bildungslaufbahnen und die Gestaltung des persönlichen Lebens - etwa im Konsum- und Medienverhalten - zu.

Sind 16-Jährige heute also politisch reifer als noch vor 20 Jahren?

Hurtelmann: Ja. Das kann man in wissenschaftlichen Untersuchungen zwar schwer nachweisen, weil wir keine historischen Vergleiche haben. Aber wenn wir heute über die soziale und moralische Reife zum Wahlrecht nachdenken, würde ich sagen: Wir sind bei 16-Jährigen auf jeden Fall auf der sicheren. Seite. Die Wahlbeteiligung von Jungwählern liegt immer schon unter der von älteren. Spricht das nicht gegen eine Senkung des Wahlalters? Hurrelmann: Die Wahlbeteiligung kann nicht das entscheidende Kriterium sein. Dann müssten wir das auf alle Wählergruppen übertragen und wären schnell bei der Debatte um eine Wahlpflicht. Was sich ausdrückt in der geringen Wahlbeteiligung der Jüngeren ist ihre Art, an politische Themen heranzugehen. Sie gehen nur dann zur Wahl, wenn sie das Gefühl haben, selbst etwas bewirken zu können. Das war in Bremen aber nicht der Fall.

Wieso?

Hurrelmann: Weil es keine Kontroversen, keine scharfen Auseinandersetzungen um politische Richtungen gab. Ältere Wähler empfinden dann vielleicht dennoch ein Gefühl von Wahlpflicht. Jüngere gehen damit unbefangener um und bleiben der Wahlurne fern. In gewisser Weise sind die jungen Leute damit Vorboten von Entwicklungen, die uns noch bevorstehen.

Sind junge Wähler nicht aber auch empfänglicher für Rattenfänger?

Hurrelmann: Das ist sicher richtig. Wir wissen, dass sie das Parteienspektrum viel breiter ausschöpfen, als das die älteren Wähler tun. Sie lassen sich stärker von den propagierte Themen ansprechen. Deshalb hat die Piratenpartei in Bremen bei den Jüngeren überdurchschnittlich abgeschnitten. Und vor allem natürlich die Grünen, weil diese Themen transportierten, die junge Leute umtreiben. Davon können natürlich auch extreme Parteien profitieren wie bei den letzten Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern die NPD, weil diese das Thema Jugendarbeitslosigkeit stark in den Vordergrund geschoben hatte. Ein solches Wahlverhalten ist aber nicht undemokratisch. Es zeigt nur, dass junge Leute die Wahlmöglichkeit beim Wort nehmen.

Ist es vor dem Hintergrund Ihrer Aussagen dann nicht sogar logisch, noch Jüngeren das Wahlrecht zu geben?

Hurrelmann: Mit 12 ist die große Mehrzahl der jungen Leute heute durch die Pubertät hindurch und das bedeutet, dass sich nicht nur die körperliche, sondern auch die soziale und intellektuelle Veränderung sich beschleunigt hat. Im Prinzip sind sie meines Erachtens in der Lage einzuschätzen, was bei einem Wahlvorgang geschieht. Sie haben die Reife, dieses eine Recht auszuüben. Wir sollten also 14-Jährige wählen lassen. In der Breite der Bevölkerung muss das aber auch akzeptiert sein und da sind wir noch nicht so weit.

Wie sehen junge Leute selbst denn das Wahlrecht?

Hurrelmann: Durchaus mit gemischten Gefühlen. Aus der Shellstudie wissen wir, dass sie selbst glauben, sehr große Ansprüche erfüllen zu müssen, dass man die Parteipropgramme kennen muss und die Architektur der Parlamente.

Sind die Parteien überhaupt in der Lage, die Jugendliche zu erreichen?

Hurrelmann: Das wäre der eigentlich positive Effekt eines Absenkung des Wahlalters. Dann müssten sich die Parteien auch auf diesen Teil des Volkes und seine Anliegen einstellen, ein urdemokratischer Vorgang. Die Parteien müssten sich mit den Themen der jungen Leute beschäftigen. Und zwar inhaltlich. Nur mit Internet und cooler Sprache wird das nicht gehen.

Zur Person: Prof. Dr. Klaus Hurrelmann (67), in Gdingen geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsforschern. Seit 2009 arbeitet er an der Hertie School of Governance in Berlin. Er hat drei erwachsene Kinder. www.hertie-school.org

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