Angst vor dem Winter

Brüssel spielt Folgen eines russischen Lieferstopps für Gas durch

Brüssel. Es ist der Alptraum, der sich nicht wiederholen soll: Tagelang bleiben ausgerechnet im tiefsten Winter die Heizungen kalt. Selbst Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen können nicht mehr mit dem dringend notwendigen Gas beliefert werden. Doch so weit will die EU-Kommission es nicht kommen lassen.

„Wir haben gut vorgesorgt“, versicherte EU-Energiekommissar Günther Oettinger in Brüssel den 508 Millionen EU-Bürgern sowie den Einwohnern von zehn Nachbarstaaten auf dem Balkan und im Osten. Dennoch gab er offen zu: „Ich bin für jeden Tag dankbar, an dem der Winter noch auf sich warten lässt.“ Was den EU-Kommissar beunruhigt, ist die Versorgungssituation der Union, die weiter „in hohem Maße“ von russischem Gas abhängig ist. „Und noch weiß niemand, ob Moskau weiter pünktlich liefert und ob die Ukraine ihrer Aufgabe als Transitland gerecht wird“, also nichts für den eigenen Markt abzweigt. Die EU wollte vorsorgen, hat eine Studie erstellen lasen, die den „schlimmsten Fall“ durchspielt. Oettinger: „Wir wollen gewappnet sein.“

Dabei dürfen sich die Bundesbürger sogar relativ sicher fühlen. „Deutschland hat nichts zu befürchten“, heißt es aus dem Umfeld Oettingers. Die Gas-Versorgung sei durch eine Vielzahl von Quellen sichergestellt, es gebe ausreichend Pipelines und Verbindungen zu den Nachbarstaaten. Und: „Die Speicher sind voll.“

Doch auch diese Sicherheit könnte sich als trügerisch erweisen. Rund fünf Monate könnte die Bundesrepublik Berechnungen zufolge mit ihren Vorräten klar kommen, ohne Nachschub zu brauchen. Dann aber würde es eng. Möglicherweise aber auch schon deutlich früher, wenn eintritt, was man in Brüssel nicht ausschließen kann. „Eine längere Versorgungsunterbrechung hätte in der EU beträchtliche Auswirkungen“, heißt es in dem Szenario der Kommission.

„Die östlichen Mitgliedstaaten und die Länder der Energiegemeinschaft wären am stärksten betroffen. Finnland, Estland, die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien würden mindestens 60 Prozent ihrer Gaslieferungen nicht erhalten“, falls Moskau seine Lieferungen einstellt. „Auch die privaten Haushalte müssten möglicherweise auf ihre Heizungen verzichten.“

Dagegen will man angehen, schon bevor der Winter kommt. Beim Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs in der kommenden Woche soll die Solidarität auch auf das Gas und die gehorteten Reserven ausgedehnt werden. Konkret: Sollten russische Gas-Lieferungen wegbrechen und der Osten Heizmaterial benötigen, will die EU die übrigen Mitgliedstaaten zu Lieferungen in diese Länder verpflichten. Mit erheblichen Konsequenzen am Ende auch für Deutschland: Denn die Bundesrepublik würde aus ihren Reserven andere Mitgliedstaaten unterstützen, während der eigene Sicherheitsspielraum dahinschmilzt.

Ob es so weit kommt, hängt nach Angaben Oettingers von den weiteren Gesprächen mit den Vertretern Moskaus und Kiews in der kommenden Woche ab. Brüssel plane ein „Winter-Paket“, hieß es gestern, damit die Ukraine offenstehende russische Rechnungen zum großen Teil (2,4 Milliarden von insgesamt 4,5 Milliarden Euro) begleicht. So könne der russische Gas-Riese Gazprom überzeugt werden, seine Lieferungen in vereinbarter Höhe fortzuführen. „Es sieht gut aus“, sagte Oettinger gestern. „Mit etwas Glück werden wir die Gespräche bald erfolgreich abschließen“. Was der scheidende Energie-Kommissar nicht sagte: Gelingt das aber nicht, ist es nicht mehr ausgeschlossen, dass auch der schlimmste Fall Realität wird.

Von Detlef Drewes

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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