Kritik an britischer Zeitung "The Sun"

„Brüste sind keine Nachrichten“: Kampagne gegen Mädchen von Seite Drei

+

London. Eine Kampagne fordert die Abschaffung einer mittlerweile britischen Institution: Das Mädchen von Seite Drei der Boulevardzeitung „The Sun“. Die Initiatoren finden die Darstellung barbusiger Frauen nicht mehr zeitgemäß, eine Familienzeitung sei der „falsche Ort“.

„Brüste sind keine Nachrichten“, mit diesem Spruch attackiert eine Kampagne seit zwei Jahren die „Sun“, die größte Boulevardzeitung Großbritanniens, die für ihre schrillen Schlagzeilen berüchtigt ist. „No more page 3“ heißt die Initiative, die erreichen will, dass die Zeitung die Rubrik des berühmten Mädchens von Seite Drei abschafft. Seit 1970 prangt fast täglich ein Bild eines nackten oder barbusigen Models auf der dritten Seite, die Oberweitenschau hat sich über die Jahre zu einer britischen Institution entwickelt. Was damals ein Novum war, bescherte den Machern großen Erfolg. Manche der Frauen, wie etwa Samantha Fox oder Katie Price, wurden über ihre Heimat hinaus berühmt. Andere Boulevardzeitungen in Großbritannien und im Ausland kopierten die Idee. So hatte die „Bild“ fast drei Jahrzehnte ein „Seite-1-Girl“, seit 2012 ist sie ins Blattinnere umgezogen. In dieser Woche posierte Hollie, 26, aus Manchester, oben ohne für die Kamera, eine halbe Seite nahm das Bild ein, zumeist ist das Foto noch größer. „Wir haben das Jahr 2014 und sind nicht mehr in den sexistischen 70ern“, kritisiert die Initiatorin der Kampagne, Lucy Holmes. Damals sei die Entscheidung, nackte Brüste von jungen Frauen in der Zeitung zu zeigen, von einer Gruppe Männer in einer männlich dominierten Medienlandschaft getroffen worden. „Sollten wir diese Entscheidung nicht überdenken?“

Ihr Ärger begann während des olympischen Sommers 2012, als die Nation im Sportfieber versank. Lucy Holmes griff in der Bahn zu einer herumliegenden „Sun“-Ausgabe. Während sie die Zeitung durchblätterte, fand sie zahlreiche Artikel über Sporthelden, auf Seite Drei starrten sie anders als sonst keine halbnackten Mädchen an, das typische Bild war weiter nach hinten gerückt. „Das machte mich traurig. Es war das größte Foto einer Frau in dieser Ausgabe und das ist es fast immer seit mehr als 40 Jahren“, sagt sie. Dabei machten weibliche Sportlerinnen in diesem Sommer auf sich aufmerksam, weil sie Medaillen gewannen und auf dem Podium standen. „Es traf mich wie ein Blitz“, sagt die 38-Jährige heute. Und schrieb einen Brief an die „Sun“. Ohne Antwort. Holmes startete einen Blog, gründete eine Gruppe auf Facebook, zwitscherte ihre Forderungen auf Twitter und setzte schlussendlich eine Petition auf, die mittlerweile von mehr als 206.000 Befürwortern unterschrieben wurde.

In einer Familienzeitung wie der „Sun“, die morgens auf zahllosen Frühstückstischen liegt und nach eigenen Angaben acht Millionen Menschen erreicht, hätten barbusige Frauen zwischen Nachrichten nichts verloren. Es sei der falsche Ort und nicht angemessen, findet Lisa Clarke. Die 40-Jährige aus Nottingham ist mit der „Sun“ aufgewachsen und engagiert sich seit zwei Jahren aktiv für die Kampagne. „Die Darstellung als sexualisiertes Objekt ohne Stimme beeinflusst, wie Frauen sich in der Gesellschaft sehen“, sagt sie. Auch auf sie hätten die Bilder Auswirkungen gehabt. „Welche Rolle habe ich als Frau? Bin ich gut genug?“ - Fragen, die sie sich lange gestellt hat. Die Initiative, die mittlerweile von Dutzenden Organisationen, Politikern, Schulen und ehemaligen Seite-3-Mädchen unterstützt wird, fordert: Frauen sollten in der Zeitung aus denselben Gründen auftauchen wie Männer. „Weil sie etwas geleistet oder erreicht haben und nicht nur, weil sie ihr Top ausziehen“, sagt Clarke. Medienmogul Rupert Murdoch, dem das mit der konservativen Keule schwingenden Blatt gehört, fragte erst kürzlich per Twitter, ob „schöne junge Frauen nicht attraktiver in zumindest einigen modischen Kleidern sind?“ Doch laut „Sun“ gibt es derzeit keine Pläne, die Rubrik abzuschaffen – nur ein weiterer Ansporn für Lucy Holmes und Co.

Von Katrin Pribyl

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.