Zugpersonal muss zunehmend mit zuschlagenden Passagieren rechnen - Zwei Fälle pro Tag

Brutale Passagiere: Immer mehr Schläge für Zugpersonal

Kassel. Während die Zahl an gewalttätigen Übergriffen von Rowdys auf Passagiere in Zügen und Bahnhöfen abnimmt, wird Bahn- und Buspersonal vor allem im Regional- und Nahverkehr immer öfter Zielscheibe von Pöbelei, Prügeln und Tritten - im Schnitt registriert die Bahn täglich zwei solcher Gewalttaten.

Als die 28-jährige Zugbegleiterin aus Kassel im März 2010 im Intercity nach Düsseldorf von einem Schwarzfahrer verlangte, ein Ticket nachzulösen, ahnte sie nicht, dass das ihre berufliche Laufbahn abrupt beenden würde. Der Mann griff sie an, schlug sie zu Boden, trat auf sie ein, zerrte sie an den Haaren durch einen Waggon und ließ sie schwer verletzt zurück.

Folge: Die Frau ist noch heute krank, hat ein Trauma, Psychologen schrieben sie auf Lebenszeit als Zugbegleiterin dienstunfähig. Sie muss sich einen neuen Job suchen.

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Rechnerisch ereignen sich allein bei der Deutschen Bahn AG jeden Tag zwei ähnliche Fälle - die trotz körperlicher Gewalt nicht alle so drastisch enden wie der authentische Fall der 28-Jährigen. Aus einer Bahnstatistik geht hervor, dass in den ersten neun Monaten dieses Jahres die Zahl der Körperverletzungen bei Bahnmitarbeitern im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um elf Prozent auf 515 Fälle gestiegen ist. In den ersten drei Quartalen 2010 wurden 457 Bahnmitarbeiter Opfer von brutalen Übergriffen. „Uniformierte sind kein Tabu mehr, auch dort schlägt man zu“, sagt der Leiter der DB-Konzernsicherheit, Gerd Neubeck.

80 Prozent aller Taten hängen mit Fahrkartenkontrollen zusammen. Hier sind laut Neubeck jeweils zur Hälfte Mitarbeiter der DB-Sicherheit und des Zugpersonals betroffen. Bis zum Jahresende geht die Bahn von knapp 700 Zwischenfällen aus. Fast 200 Bahnmitarbeiter müssen also noch mit Prügel rechnen. Die Zahl von Gewalttaten gegen Passagiere sank dagegen um 17 Prozent auf knapp 1200 Fälle. Ein Grund: Die Bahn hat ihr Sicherheitspersonal von 3200 auf 3700 aufgestockt.

Und das bekommt jetzt verstärkt die Prügel ab. Dass die Bahn ihr Sicherheitspersonal verstärkt hat, erkennen auch die großen deutschen Eisenbahngewerkschaften an. Stefan Mousiol von der Lokführergewerkschaft GDL in Frankfurt: „Früher wurde das Thema oft kleingeredet.“ Die mit 240 000 Mitgliedern mächtigste Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG (Berlin) fordert, es müsse noch mehr für die Sicherheit des Personals vor Angriffen auf Leib und Leben getan werden. Vor allem auf Bahnhöfen fehle Personal. (siehe Interview).

DB-Sicherheitschef Neubeck aber macht sich, dem Personal und den Passagieren keine Illusionen: „Wir können noch so viele Sicherheitskräfte einsetzen und technische Sicherungen installieren: Wir werden nie ganz kriminalitätsfrei operieren können.“ Aber den Versuch ist es wert.

Von Jürgen Umbach

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