„Seit Samstag ist der Teufel los“

Bürgermeister kritisiert Österreich: Ferienort von Flüchtlingen überrannt

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Tausende kommen zurzeit täglich an der deutsch-österreichischen Grenze bei Passau an. Unser Bild zeigt Flüchtlinge nahe dem Ort Wegscheid (Niederbayern), die von der Polizei zu einer Notunterkunft geführt werden.

Tausende Flüchtlinge kamen binnen zwei Tagen in den bayerischen Ferienort Wegscheid. Sie haben die Grenze zwischen Österreich und Deutschland förmlich überrannt.

Bürgermeister Josef Lamperstorfer erhebt nun Vorwürfe:

Lamperstorfer kann es noch immer nicht so richtig fassen: 2000 Flüchtlinge hatten in der Nacht zum Dienstag die deutsch-österreichische Grenze bei Wegscheid regelrecht überrannt, ohne dass die Österreicher irgend etwas unternommen hätten. „Die wollen uns testen, wie lange wir das noch aushalten, die wissen doch, das wir in unserer Halle nur 250 Menschen unterbringen können!“ Der Bürgermeister der 5500-Einwohner-Marktgemeinde ist stinksauer, die ganze Nacht habe man gebraucht, um das Chaos irgendwie in geordnete Bahnen zu lenken. „Wir hatten 400 Leute in der Halle, 1100 standen draußen in der Kälte. 500 Meter weiter habe das Rote Kreuz ein Zelt aufgeschlagen, damit wenigstens die Kinder ein Dach über dem Kopf hatten,“ berichtet er.

Seit Samstag klappe nichts mehr, „da ist der Teufel los“. Sein Vorwurf: Die Österreicher fahren die Flüchtlinge an die Grenze und lassen sie dort einfach raus, „Schwangere, kleine Kinder, einfach alle“, sagt der 56-Jährige. Am Vormittag hatte sich die Lage etwas entspannt, die Flüchtlinge waren in Aufnahmeeinrichtungen gebracht worden. „Aber der ganz normale Wahnsinn geht schon wieder los.“ Allein in seinem Ort kamen bis zum Dienstag Abend laut Bayerischem Rundfunk wieder zehn Busse voller Flüchtlinge an.

Josef Lamperstorfer

Während in München Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) der Kanzlerin wieder ein Ultimatum bis Sonntag stellt, die Zuwanderung zu begrenzen und in Wien ein Machtwort zu sprechen, hat der Wegscheider CSU-Mann seine eigenen Kanäle genutzt, um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen - leider ohne Erfolg. Schon am Samstag habe er seinem Duz-Freund Reinhold Mitterlehner (ÖVP), Vizekanzler in Österreich, eine „Brandmail“ geschrieben, „aber ich habe keine Antwort erhalten.“

Die Antwort der Regierung in Wien würde ihm wohl auch nicht gefallen: Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) sei „in engstem Kontakt mit Kanzlerin Angela Merkel“, so Kanzleramtsminister Josef Ostermayer (SPÖ). Den Vorwurf Seehofers, die Koordination sei mangelhaft, weist er zurück.

Merkel gab sich ungerührt von dem neuen Druck aus Bayern - und bleibt bei ihrer Linie: „Wir können den Schalter nicht mit einem Mal umdrehen.“Am Samstag will sie sich mit Seehofer treffen. Am Sonntag wollen beide mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel zusammenkommen,

In Wegscheid hilft das alles im Moment kaum weiter. Auch dort will man die Flüchtlinge menschlich behandeln. „Aber auf einen Schlag 2000 - darauf konnten wir uns nicht vorbereiten“, sagt auch Frank Koller, Sprecher der Bundespolizei in Bayern. Josef Lamperstorfer hofft, dass das alles nicht auch noch dem Tourismus schadet, Wegscheid hat über 100 000 Übernachtungen im Jahr. „Wenn das auch noch ausfiele, das wäre für uns der Supergau.“

Hintergrund: Auch Österreich nimmt viele auf

Österreich gehört – gemessen an den 8,4 Millionen Einwohnern – zu den Ländern in Europa, die die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Seit Anfang September stellten laut Innenministerium rund 17.000 Menschen dort einen Asylantrag. Für 2015 erwartet Wien insgesamt etwa 85.000 Anträge. Im Jahr 2014 waren es 28.000, 2013 lediglich 17.000 Anträge. Seit Anfang September kamen nach offiziellen Angaben etwa 350.000 Flüchtlinge nach Österreich, die meisten gehen weiter nach Deutschland. Hier rechnet die Regierung 2015 mit etwa 800.000 Asylbewerbern. Bei 81 Millionen Einwohnern in der Bundesrepublik ist das Verhältnis der erwarteten Anträge zur Bevölkerungszahl vergleichbar mit Österreich. (dpa)

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