Fragen und Antworten

Kunden drohen Einbußen : Bundesregierung will Lebensversicherungen reformieren

Kassel. Die Lebensversicherer haben mit Ertragsproblemen zu kämpfen. Deshalb will die Bundesregierung helfen: Die Versicherer sollen stärker in die Pflicht genommen werden. Die Kunden müssen mit Einbußen bei den Bewertungsreserven rechnen. Hier sind die Antworten zu den wichtigsten Fragen.

Um welche Bewertungsreserven geht es aktuell?

Aktuell geht es um Anleihen von Staaten. Hier sind die Reserven derzeit besonders üppig, weil hoch verzinste Wertpapiere, die Versicherer vor vielen Jahren gekauft haben, wegen der extrem niedrigen Zinsen im Kurs aktuell deutlich gestiegen sind.

Worin besteht das Problem?

Die Versicherer müssen nun „Hochprozenter“ verkaufen, um Kunden an den üppigen Reserven zu beteiligen. Diese freuen sich über hohe Renditen – zum Schaden der vielen anderen Versicherten, deren Verträge weiterlaufen. Die Bewertungsreserven schwanken sehr stark – je nach Zinsentwicklung. Im vierten Quartal 2013 lagen sie nach Angaben der Versicherungswirtschaft bei 57,8 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor wurde ein Höchststand von 87,9 Milliarden Euro erreicht. Solange die Zinsen weltweit fielen, wurden Anleihen mit langer Laufzeit und vergleichsweise hohem Zins immer mehr wert.

Ist das die einzige Sorge der Branche?

Nein. Unabhängig von den stillen Reserven wird es für die Versicherer bei andauernd niedrigen Zinsen immer schwieriger, die langfristigen Zinsgarantien für Altverträge von bis zu vier Prozent zu erwirtschaften. Zugleich wird das Produkt Lebensversicherung immer weniger attraktiv. Die Folge: Weniger Beitragseinnahmen durch Neuverträge. Aus Sicht der Bundesbank droht innerhalb von zehn Jahren mehr als einem Drittel der Branche Kapitalprobleme.

Wie argumentiert die Versicherungswirtschaft?

Die derzeitige Rechtslage sei in einer Niedrigzinsphase „ökonomisch unsinnig“. Um die etwa fünf Prozent jährlich abgehenden Kunden mit ihrem Anteil an der Bewertungsreserve ausbezahlen zu können, müssten die Versicherer einige Wertpapiere mit höherem Zinssatz verkaufen. Das gehe zulasten der 95 Prozent, die im Kundenstamm bleiben, denn deren Überschüsse verringerten sich. Es gehe bei der geforderten Änderung nicht darum, die Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven abzuschaffen, sondern „für die Lebensversicherung Brücken über die Niedrigzinsphase zu bauen“

Was plant die Bundesregierung?

Letztlich will sie vor allem die Unternehmen in die Pflicht nehmen – was auch zu einer gewissen Konsolidierung der Branche führen dürfte. Anbieter, die mit hohen Renditen locken und keine soliden Geschäftsmodelle haben, dürften Probleme bekommen. Schwarz-Rot will dem Vorwurf begegnen, etwas Gutes für Unternehmen zu tun. Im Kern sollen mit den Umschichtungen Kunden stärker an Gewinnen beteiligt werden und nicht die Aktionäre. Eigner müssen mit weniger Ausschüttungen rechnen. Schließlich könnte der Garantiezins bei Neuverträgen von 1,75 auf 1,25 Prozent sinken. Bei Abschlüssen soll weniger in den Kassen der Anbieter und Vermittler landen.

Und was kommt auf Kunden zu?

Kunden, deren Police demnächst ausläuft oder die ihre Verträge kündigen, müssen sich auf Einbußen bei den Bewertungsreserven aus Anleihen einstellen – von einem bestimmten Stichtag an. Betroffen wäre also nur ein kleinere Gruppe der Versicherungsgemeinschaft. Wie weit die Eingriffe hier gehen sollen, um langfristige Garantieleistungen aller zu sichern, ist aber noch offen. (dpa)

Hintergrund: Garantierte Leistung

Hat man eine Lebensversicherung abgeschlossen, bekommt man nach Ablauf des Vertrags auf jeden Fall die garantierten Leistungen beziehungsweise nach Kündigung des Vertrages den Rückkaufwert ausbezahlt. „Der vereinbarte Garantiezins ist sicher“, sagt die Kasseler Rechtsanwältin Bianca Stolberg. Die Überschussbeteiligung und die Bewertungsreserven seien hingegen „zwar vertraglich zugesagte, aber der Höhe nach nicht-versprochene Leistungen“, mit denen man als Kunde nicht kalkulieren darf. Darauf wird in den Verträgen hingewiesen.

In welchem Umfang Versicherer etwa Aktien und dergleichen verkaufen, um an Geld zu kommen, kann Stolberg nicht sagen. Aber: „Alles kann garantiert nicht verkauft werden, denn die Versicherung braucht Geld, um damit zu arbeiten.“ Aus dem angelegten Geld errechnen sich die Bewertungsreserven. (cow)

Hintergrund: Drei Bausteine der Lebensversicherung

• Bewertungsreserven: Kunden von Lebensversicherungen werden nach Ablauf oder Kündigung des Vertrags an den Bewertungsreserven beteiligt. Seit 2008 steht ihnen die Hälfte dieser Gewinne zu. Bewertungsreserven entstehen, wenn die Marktpreise von Wertpapieren höher sind als ihr Buch- oder Anschaffungswert. Wegen der niedrigen Zinsen sind die momentan sehr hoch.

• Garantiezins: Mit diesem Zins können die Kunden rechnen. Er gilt für die gesamte Laufzeit der Versicherung. Für Verkäufer von Lebensversicherungen ist er ein Verkaufsargument. Festgesetzt wird der Garantiezins vom Bundesfinanzministerium, um zu verhindern, dass sich die Versicherer mit Zins-Versprechen überbieten. Seit 1990 wurde der Garantiezins schrittweise gesenkt. Seit Januar 2012 liegt er beim neuen Tiefstwert von 1,75 Prozent. In Altverträgen sind es noch bis zu vier Prozent.

• Überschussbeteiligung: Der Kunde profitiert von der Geldanlage-Strategie des Unternehmens. Sie ergibt sich aus einem Zinssatz, der je nach Wirtschaftslage jedes Jahr neu von der Versicherungsgesellschaft beschlossen wird. Wichtigster Faktor ist die Rendite, die Versicherungen mit dem eingezahlten Geld an den Kapitalmärkten erzielen können. Der Konzernvorstand entscheidet am Jahresende, ob die Überschussbeteiligung für das folgende Jahr geändert wird. Ein Teil der Überschüsse, der Schlussüberschuss, wird erst zum Ablauf des Vertrages ausgezahlt. In den vergangenen Jahren – seit Ausbruch der Finanzmarkt- und Eurokrise – ging die Überschussbeteiligung wegen der Zinsflaute an den Kapitalmärkten deutlich zurück. (dpa/cow)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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