Bundestag verlängert Griechenland-Hilfe: Noch nicht das Ende

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Griechenlands Finanzminister Gianis Varoufakis

Gründe, Griechenland in die Pleite rutschen zu lassen, gibt es einige. Doch die besseren zielen darauf, das bankrotte Land im Euro zu halten. Das meint unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff.

Vielleicht fällt es leichter, die Entscheidung des Bundestages für neue Geldgaben in das griechische Olivenölfass zu akzeptieren, wenn man den Vorgang mit einer Privatinsolvenz vergleicht: In der Wohlverhaltensphase müssen überschuldete Menschen sechs Jahres lang alles, was pfändbar ist, bei ihren Gläubigern abliefern. Sie werden auf das einfachste denkbare Leben zurückgestuft. Aber danach sind sie schuldenfrei und können neu starten. Die Gesellschaft stand vor der Frage, diesen Menschen einen Weg zurück zu ebnen – oder sie für den Rest des Lebens auf die Straße zu stoßen. Sie hat sich für Ersteres entschieden. Weil es vernünftiger und billiger ist.

Genau darum geht es bei Griechenland. Es wäre teurer, Griechenland zu verlieren. Für den Euro, weil nicht sicher ist, wie die Finanzmärkte dann reagieren. Für Europa, weil nicht sicher ist, ob es einen solchen ersten Zerfall im Südosten vertragen würde.

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Die Regierung Tsipras hat mitten in der laufenden Rettungsphase sehr forsch versucht, die Wohlverhaltenspflicht zu lockern. Das hatte sie ihren Wählern versprochen. Grundregeln der politischen Logik lassen sich aber auch durch politische Euphorie nicht außer Kraft setzen. Wer kein Geld hat, kann nicht hoch pokern. Vor allem Deutschland hat mit Beharrlichkeit auf der Einhaltung des Reformplans bestanden.

Freilich, die übliche Kehrseite der Wohlverhaltensphase einer Privatinsolvenz, dass nämlich die Restschulden nach Ablauf der Frist komplett erlassen werden, wird auch im Fall Griechenland noch kommen. Es ist absehbar, dass nach dem Ende der gestern beschlossenen Programmverlängerung im Juni ein weiteres Hilfsprogramm nötig sein wird.

Aber das ist nicht alles. Der Primäretat Athens (ohne Zinslasten) ist bereits ausgeglichen und die Wirtschaft wächst wieder leicht. Das sind erste Reformerfolge. All das wird aber wieder zunichte gemacht, wenn die Altlast von über 300 Milliarden Euro stehen bleibt oder sogar noch durch die Zinsen immer mehr wird. Deshalb wird Europa dereinst vor der Konsequenz des 2010 begonnenen Rettungsweges stehen - und dem Land seine Verbindlichkeiten abnehmen müssen. Sobald klar ist, dass eine derartige Überschuldung nicht wieder vorkommt. 

E-Mail an den Autor: nachrichten@hna.de 

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