Satire-Kandidat will gar nicht witzig sein

Bundestagswahl: Energieforscher Gregor Czisch tritt für „Die Partei“ an

 Gregor Czisch
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Will mit seiner Kandidatur ein Ausrufezeichen setzen:Der promovierte Kasseler Physiker Gregor Czisch, Direktkandidatder Satirepartei „Die Partei“ zur Bundestagswahl, auf dem Dach der Grimmwelt.

Am 26. September ist Bundestagswahl. In einer Serie stellen wir die Kandidaten im Wahlkreis Kassel vor, zu dem auch Teile des Landkreises gehören. Hier: Gregor Czisch von der Satirepartei „Die Partei“.

Kassel – Wenn einer ein ernstes Anliegen hat und für eine Partei antritt, die sich nicht einmal selbst ernst nimmt, dann wirft das Fragen auf. Für Physiker Gregor Czisch ist die Satire(-Partei) eine Art Zufluchtsort. Satire sei wohl das, was ihm nach beruflicher Enttäuschung und politischem Frust geblieben sei, sagt er. Und betont sogleich: „Ich bin kein Komiker.“

Seine Vorgänger als Satirepartei-Kandidaten in Kassel plädierten zur Oberbürgermeisterwahl mit Daumen hoch für Tempo 130 in der City oder posierten zur Bundestagswahl mit Blödel-Brille vor einem Feuerwehrauto. Czisch aber will gar nicht witzig sein. Und genau das ist das Tragische an seiner Kandidatur für die „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“.

Der 57-Jährige bezeichnet die Klima- und Energiepolitik als „mein Lebenswerk“. Das ist nicht einfach so dahingesagt. Für seine in sieben Jahren gefertigte Doktorarbeit erhielt der Physiker 2005 von den Prüfern der Universität Kassel die Auszeichnung „Summa cum laude“. Seine darin angestellten Berechnungen für eine großräumige, internationale Stromversorgung mit erneuerbaren Energien wurden in Fachkreisen weltweit diskutiert. Über den Energieforscher aus Kassel berichteten unter anderem „Der Spiegel“ und „Die Zeit“. Czisch hielt Vorträge in Regierungskreisen, Instituten und Energieunternehmen im In- und Ausland.

Alles schien auf eine Wissenschaftskarriere hinauszulaufen. Doch es kam anders. Seit 2008 schlägt sich Czisch als Selbstständiger mit Auftragsarbeiten durch. Eine Festanstellung bei einem Institut oder Betrieb sei wohl auch an seiner Kompromisslosigkeit gescheitert, räumt er im Gespräch auf dem Kasseler Weinberg ein.

Am Fuße seines Hausbergs wohnt Gregor Czisch zur Miete. Wenn der „Dr.-Ing. Dipl.-Phys.“ über Klima- und Energiepolitik spricht, merkt man, dass er nach wie vor für das Thema brennt. „Es fehlt die Nachhaltigkeit“, kritisiert er. Und das, was er und andere bereits vor Jahrzehnten gefordert hätten, sei heute noch immer nicht in Angriff genommen worden.

Warum also gibt sich der Wissenschaftler dafür her, für die Satirepartei unter dem Stichwort „Klimakanzler“ zu kandidieren? Das habe viel mit der Enttäuschung über andere Parteien zu tun, sagt Czisch. Und mit einem Angebot, das Martin Sonneborn, der Chef von Die Partei, gemacht habe. Der bot zur Bundestagswahl an, alle Listen der Partei für Klimawissenschaftler zur Verfügung zu stellen. Czisch nahm im Oktober Kontakt zu ihm auf.

Nun tritt der Kasseler für die Partei als Direktkandidat im Wahlkreis 168 und auf Platz 6 der Landesliste Nordrhein-Westfalen an. Wenn die Satirepartei in NRW über die Fünf-Prozent-Hürde komme, dann könne er im neuen Bundestag vertreten sein.

Für wahrscheinlich hält Gregor Czisch das nicht. Dennoch habe er Sonneborns Angebot, auf der Partei-Liste zu kandieren, gerne angenommen. „Für mich verbindet sich mit dieser Kandidatur die Gelegenheit, ein Ausrufezeichen zu setzen.“ Für den Klimaschutz und sich selbst.

Von Andreas Hermann

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