Für sie ist ihre Partei die Mitte

Bundestagswahl: Sibylle Johst wählte einst Grün, nun kandidiert sie für die AfD

Sibylle Johst
+
Warnt vor einem Vielvölkerstaat und will ein besseres Bildungssystem ohne Inklusion: Sibylle Johst von der AfD im Botanischen Garten.

Am 26. September ist Bundestagswahl. In einer Serie stellen wir die Kandidaten im Wahlkreis Kassel vor, zu dem auch Teile des Landkreises gehören. Hier: Sibylle Johst von der AfD.

Kassel – Auf den ersten Blick sieht Sibylle Johst so aus, wie man sich eine typische Bewohnerin des Vorderen Westens vorstellt, wo viele Grüne und Linke zuhause sind: Zum Interview-Termin im Botanischen Garten kommt sie mit dem Rad. Den Ort hat sie sich ausgesucht, weil sie zwischen den Blumen gern ausspannt. Die ehemalige Lehrerin lächelt freundlich und sagt: „Früher habe ich gern im eigenen Garten gearbeitet. Das geht nun nicht mehr, nachdem wir aus unserem Haus in eine Zwei-Zimmer-Wohnung umgezogen sind.“

Auch politisch hat sie eine neue Heimat gefunden. Ihr ganzes Leben lang war sie „ein unpolitischer Mensch“, wie sie sagt, früher hat sie sogar mal die Grünen gewählt. Nun ist sie bei der AfD und will für die Partei am anderen Rand des Links-Rechts-Spektrums in den Bundestag – mit 75.

Eingetreten ist Johst 2016, als immer mehr Flüchtlinge Schutz suchten in Mitteleuropa. „Ich hatte Angst um Deutschland und wollte etwas tun gegen die zügellose Zuwanderung.“ 2018 gehörte sie zu den Mitorganisatorinnen der Mahnwache, bei der Frauen in der Innenstadt aus Angst vor sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge demonstrierten.

Am liebsten hätte sie das nun verschwiegen. Johst hat sich von der Mahnwache zurückgezogen. Die anderen Frauen demonstrieren weiter, wollten aber nicht mit der AfD in Verbindung gebracht werden, mit der sie nichts zu tun hätten.

„In der AfD zu sein, ist aufgrund der ständigen Diffamierungen sehr anstrengend“, sagt Johst und findet: „Wir stehen dort, wo die CDU vor einigen Jahren stand, in der Mitte.“ Als sie vor fünf Jahren eintrat, hatte der Gründer Bernd Lucke die damals noch als konservativ und EU-kritisch geltende Protestpartei gerade verlassen. Mittlerweile hat der Verfassungsschutz die AfD als Rechtsextremismus-Verdachtsfall eingestuft, um sie in Gänze beobachten zu können. Dagegen hat die Partei geklagt. Die Bundesspitze der Partei ist zerstritten. In Umfragen liegt die AfD stabil bei etwa zehn Prozent.

Johst will sich für ein besseres Bildungssystem ohne Inklusion einsetzen, den Mittelstand stärken und Familien fördern. Im Gegensatz zu ihrer Partei strebt sie zwar „nicht unbedingt“ einen Austritt aus der EU an, aber sie „möchte nicht von der EU, sondern von Deutschland regiert werden“.

Die Debatte um den Klimawandel findet sie einen „totalen Hype“. Obwohl Deutschland nur zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verursache, würden Milliarden ausgegeben: „Das ist rausgeschmissenes Geld.“

Auch bei der Pandemie hat Johst eine andere Meinung als die große Mehrheit der Deutschen. Corona hält sie nur für „eine Form der Grippe“, der Lockdown sei sinnlos. Als am 20. März 20 000 „Querdenker“ in Kassel demonstrierten, hat sie das „mit Sympathie“ auf dem Friedrichsplatz verfolgt. Impfen lassen will sie sich erst, wenn ein „ordentlich zugelassener Impfstoff“ verfügbar sei.

Fragt man Johst, warum immer wieder Rechtsextreme wie der Lübcke-Mörder Stephan Ernst, der in Kassel einst AfD-Wahlplakate aufhängte, die Nähe der Partei suchen, antwortet sie: „Vielleicht weil permanent unterstellt wird, die Partei sei rechts.“

Sie selbst werde bisweilen als Rassistin diffamiert. Sie findet das absurd, „wenn ich an meine ausländischen Freunde denke. In Burkina Faso habe ich lange ein Patenkind gehabt.“

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.