Interview

Bundestagswahl in Kassel: Sieger Timon Gremmels – „SPD ist zurück“

Auf der Wahl-Party: Der Kasseler SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels (vorn) mit (von links) seinen Parteikollegen Esther Dilcher und Edgar Franke.
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Auf der Wahl-Party: SPD-Bundestagsabgeordneter Timon Gremmels (vorn) mit (von links) seinen Parteikollegen Esther Dilcher und Edgar Franke.

Zuletzt wurde Timon Gremmels von Klimaschützern heftig kritisiert. Trotzdem holte er erneut das Kasseler Direktmandat. Hier geht er auf die Kritik ein.

Kassel – Lange gefeiert hat Timon Gremmels den Sieg seiner Partei bei der Bundestagswahl 2021 nicht. Am Sonntag (26.09.2021) eroberte der Sozialdemokrat zum zweiten Mal nach 2017 das Direktmandat im Wahlkreis Kassel. Am Montag (27.09.2021) machte er sich bereits in aller Frühe wieder auf nach Berlin, wo am Mittag der Parteivorstand im Willy-Brandt-Haus tagte. Heute trifft sich das erste Mal die SPD-Fraktion. Wir sprachen mit dem 45-Jährigen.

Sie haben einen kräftezehrenden Wahlkampf hinter sich. Wie geht es Ihnen?
Allmählich spüre ich den Wahlkampf in den Knochen. Ich bin froh, dass er hinter mir liegt. Gestern habe ich lediglich vier Stunden geschlafen. Aber den Schlaf werde ich bald nachholen. Und ich bin einfach nur dankbar, dass ich den Wahlkreis wieder als Abgeordneter in Berlin vertreten darf.
Sie haben fast exakt das gleiche Ergebnis wie 2017 eingefahren. Wie zufrieden sind Sie damit?
Sehr. Diesmal war es eine andere Ausgangslage. Ich liege 16 Prozentpunkte vor Michael Aufenanger von der CDU. Das war bei seinem Vorgänger Norbert Wett deutlich knapper. Der Grüne Boris Mijatovic liegt sogar fast 19 Prozentpunkte hinter mir. Dass ich bei der Erststimme zudem vier Prozentpunkte vor der SPD liege, zeigt, dass mir viele Menschen über Parteigrenzen hinweg vertrauen.
Trotzdem: Wie oft haben Sie gedacht, dass es riskant war, alles auf das Direktmandat zu setzen?
Ich war immer zuversichtlich. Und in den vergangenen Wochen, als sich ein positiver Trend für uns abzeichnete, war ich weiter demütig. Wenn man durch Kassel läuft, darf man sich nicht schon als Wahlsieger fühlen. Selbst am Samstag habe ich noch sieben Wahltermine von 7 bis 22 Uhr gemacht.
Wie sehr hat Ihnen der Rückenwind von Olaf Scholz geholfen?
Der Rückenwind hat auch mir bessere Zahlen beschert. Das liegt auf der Hand. Das Ergebnis hat jedoch vor allem deutlich gemacht, dass Kassel nach wie vor eine Hochburg der Sozialdemokratie ist. Gerade nach der Kommunalwahl im März, als die Grünen stärkste Kraft wurden, ist es wichtig, dass Kassel wieder rot ist. Wir haben gezeigt, dass wir noch Wahlen gewinnen können. Mit diesem Rückenwind müssen wir auch die Oberbürgermeisterwahl und die Landtagswahl 2023 bestreiten.
Grüne und FDP wollen nun sondieren, welcher Partner für sie infrage kommt. Wie groß ist Ihre Sorge, dass die SPD doch nicht weiter regieren kann?
Wenn die Grünen es ernst meinen mit ihrer Ankündigung, eine Klimaregierung bilden zu wollen, dann werden sie schnell zum Ergebnis kommen, dass das nur mit der SPD geht. Das Ergebnis ist ein klares Signal für die Ampel, wo wir mehr für den Klimaschutz erreichen können als mit Jamaika. Wobei es auch mit der FDP nicht leicht wird. CDU/CSU sind dagegen rückwärtsgewandt. Für uns gilt es, Ruhe zu bewahren. Die Phase nach einer Wahl ist wie beim Mikado: Wer sich als Erster bewegt, der verliert.
Welche SPD wurde denn gewählt? Die von Olaf Scholz, der für die Mitte steht, oder die linke SPD von Saskia Esken?
Beide. Die SPD ist immer dann erfolgreich, wenn sie diese beiden Flügel hervorragend vereint. So haben wir 1998 den Wahlsieg errungen. Und so haben wir jetzt gewonnen. Die SPD ist wieder zurück als Volkspartei.
Mit den Grünen Boris Mijatovic und Awet Tesfaiesus gibt es weitere Bundestagsabgeordnete aus Kassel. Macht es das für Sie leichter oder schwerer?
Es ist von Vorteil, wenn Kassel in unterschiedlichen Farben in Berlin vertreten ist. Insofern ist es okay, wenn zwei grüne Mitstreiter dabei sind und wir gemeinsam möglichst viel für Kassel rausholen können. Ich freue mich auf die konstruktiv-kritische Zusammenarbeit – vielleicht sogar als Koalitionskollegen.
Schwieriger werden könnte es für Sie durch den Druck von der Straße. Noch am Wahltag verteilten Klimaschützer Anti-Gremmels-Flyer, weil Sie im Beirat des Lobby-Vereins Zukunft Gas sitzen.
Man kann darüber streiten, wie viel Erdgas man noch wie lange braucht. Aber wer anonym und mit Halbwahrheiten agiert, ist nicht redlich. Das war nicht fair. Letztlich hat es aber nicht gefruchtet. Die Menschen kennen mich und wissen, wofür ich stehe. Ich werde weiter für eine sozialgerechte Klima- und Energiewende kämpfen.
Welche Konsequenzen ziehen Sie aus der Kritik?
Ich bin von Anfang an maximal transparent mit meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten im Beirat von Zukunft Gas und im Bundesverband Erneuerbare Energien umgegangen. Insofern habe ich mir nichts vorzuwerfen. Allerdings habe ich jetzt verstanden, dass man das auch anders lesen kann.
Auch unabhängig von dem konkreten Vorwurf gegen Sie ist der Druck der Straße auf die Politik größer geworden. Inwiefern setzen Sie sich damit auseinander?
Das habe ich auch bislang schon gemacht. Mit den Initiatoren der Kampagne habe ich im letzten Jahr mehrfach gesprochen. Es ist meine Aufgabe als Abgeordneter, mit den Menschen zu reden – auch wenn sie andere Meinungen vertreten. Das biete ich weiterhin allen an. Trotzdem muss man feststellen: In der Debatte kam bislang völlig zu kurz, wie viel Arbeitsplätze in Kassel am Erdgas hängen. Man muss schauen, wie man die Transformation der Gaswirtschaft hin zu Klimaneutralität schafft. Das geht nur im Dialog mit den Beschäftigten. Als Sozialdemokrat sehe ich das als meine ureigenste Aufgabe an.
Bislang gelten Sie als Energieexperte. Wie wird es thematisch für Sie weitergehen in Berlin?
Ich will eine starke Stimme für die Energiewende bleiben. Das hängt aber auch davon ab, ob das Energiethema im Wirtschaftsausschuss bleibt, in dem ich bislang Mitglied war, oder in den Umweltausschuss kommt. Und die Fraktion ist deutlich größer geworden. Viele haben Interessen. Grundsätzlich gilt: Ich arbeite da, wo ich gebraucht werde.

(Interview: Matthias Lohr, Florian Hagemann)

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