Amt kritisiert Anwerbepraxis gesetzlicher Krankenkassen

Karten verschiedener Krankenkassen. Foto: dpa

Bonn. Junge und gesunde Versicherte sind auch den gesetzlichen Krankenkassen lieber als alte und kranke. Diesem Schluss gibt der Tätigkeitsbericht des Bundesversicherungsamtes (BVA) für 2012 neue Nahrung.

Risikokunden, die mit Zusatzbeiträgen im Rückstand waren, wurden danach in 199 belegten Fällen am Telefon zum Kassenwechsel überredet. Mit dieser Affäre sorgte die KKH-Allianz für Negativwerbung. Schon bei der Anwerbung versuchten etliche Kassen, sich teure Mitglieder vom Hals zu halten.

Die Bonner Aufsichtsbehörde über 80 bundesunmittelbare Kranken- und Pflegekassen kritisiert in ihrer Bilanz 2012 kasseninterne Vereinbarungen mit Vertriebsleuten, vorrangig gut verdienende und gesunde Versicherte zu akquirieren. „Oft zahlen die Krankenkassen ihrem Vertrieb keine Prämien für das Werben von einkommensschwachen oder kranken Versicherten oder verlangen Prämien zurück, wenn die Neumitglieder höhere Krankheitskosten verursachen als erwartet“, rügt der Bericht.

Das verstoße gegen das in der gesetzlichen Krankenversicherung geltende Solidaritätsprinzip. Die betroffenen Kassen hätten reagiert - eine weigere sich aber weiter, „Aufwandsentschädigungen im Vertrieb für erwerbslose Versicherte oder Saisonarbeiter zu zahlen“, so das BVA-Papier.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zeigte sich befremdet: „Es ist nicht in Ordnung, dass einzelne Krankenkassen versuchen, Rosinenpickerei zu betreiben“, sagte er in Berlin. Die Verantwortung für solches Fehlverhalten trügen die Kassen-Vorstände, das gehe „bis zur Haftung des Vorstandes“.

Im Fall der KKH-Allianz blieb’s offenbar bei einem ernsten Gespräch. Die BVA konnte dem Kassenvorstand keine unmittelbare Verantwortung in der Affäre nachweisen. Die Prüfer in Bonn gehen außerdem von einem Einzelfall im System der gesetzlichen Kassen aus.

Konsequenzen

„Das ist leider passiert, wir haben uns entschuldigt“, hieß es gestern von der KKH auf Anfrage unserer Zeitung. Eine der Konsequenzen aus dem Fall sei die Einrichtung einer Anlaufstelle, an die sich Beschäftigte und Versicherte vertraulich mit Verdachtsfällen wenden können.

Tel. 0800 / 554 8640 180

Hintergrund

„Top-Mieten in Top-Lagen“

• Anmerkungen aus Kassenprüfungen des BVA:

• Einige Kassen leisten sich Räume „in Top-Lagen zu Top-Mieten - überdimensioniert, aber repräsentativ“.

• Bemängelt wurde auch die „überdimensionierte Ausstattung von Mitarbeitern mit Mobilfunkanschlüssen (teilweise doppelt im Vorstandsbereich)“.

• In einigen Fällen zahlten Kassen für Vorbeugekurse mit, die nicht dem Leitfaden ihres Spitzenverbandes entsprach - Kurse wie Bodyforming und Bauch-Beine-Po.

• Hier geht es zum Online-Meldeformular der Stelle zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen beim GKV-Spitzenverband:

• Meldestellen gibt es bei allen Kranken- /Pflegekassen.

• Eine gesetzliche Krankenkasse darf sich nicht weigern, ein neues Mitglied aufzunehmen. Wer wechseln will, beantragt die Aufnahme in die neue Kasse am besten schriftlich. „Lassen Sie sich auf keine Diskussion ein“, rät die Unabhängige Patientenberatung UPD - vor allem nicht auf Fragen zur Gesundheit oder Verzögerungsversuche. (wrk)

www.upd-online.de

08000 / 11 77 22

Kommentar

Wolfgang Riek über den Bericht der Kassenprüfer

Wer den gesetzlichen Krankenkassen Wettbewerb und Gesundschrumpfen verordnet, der muss sich nicht wundern, wenn Kundenwerber mit Blick auf ihre Prämien auch krumme Touren testen. Im Fall der KKH-Allianz wurde der Versuch, teure Kunden loszuwerden gestoppt - auch weil öffentlicher Druck und Kassenaufsicht funktionierten.

Über allem Wettbewerbsdruck steht bei den gesetzlichen Kassen das Solidaritätsprinzip: Junge und gesunde Beitragszahler stehen für Alte und Kranke ein. Hauptaufgabe der Kassen ist es nicht, möglichst hohe Überschüsse zu produzieren, sondern gute Versorgung.

Die Balance zwischen Solidaritäts- und Konkurrenzprinzip ist immer heikel. Solange die amtliche Kontrolle nur einzelne Ausrutscher rügt und Versicherte selbstbewusst ihre Rechte reklamieren, darf man beruhigt sein - und weiter wachsam.

Von Wolfgang Riek

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