Carsharing: Franzosen übernehmen Verleihplattform Autonetzer

Schlüsselübergabe: Carsharing läuft unter anderem über stationsbasierte Angebote - mit Übernahme der Privatverleih-Plattform Autonetzer will Drivy aus Frankreich den Markt aufrollen. Foto: dpa

Kassel. Übernahme am Carsharing-Markt: Der französische Anbieter Drivy, über den Privatleute ihre Autos an andere vermieten können, baut sein Geschäft in Deutschland aus.

Drivy schluckt jetzt den großen Konkurrenten Autonetzer, der 10.000 Fahrzeuge im Angebot und 75.000 registrierte Nutzer hat. Drivy hatte fünf Monate nach dem Deutschland-Start 1300 Fahrzeuge im Pool. In ihrer Heimat haben die Franzosen nach eigenen Angaben schon 27.000 mietbare Fahrzeuge von Privatleuten im Angebot und 500.000 registrierte Nutzer. Das 2010 gegründete Unternehmen arbeitet an der internationalen Expansion - dank Investoren und einer Finanzierung von 16 Millionen Euro.

Autonetzer, ein Start-up aus Stuttgart, wurde auch 2010 gegründet und schloss sich 2014 bereits mit Nachbarschaftsauto zusammen. Plattformen für Autovermietung von Privat an Privat fahren in Deutschland noch in der zweiten Reihe: Viel bekannter und älter sind regionale Anbieter wie Stattauto oder Einfach mobil (Kooperation mit der KVG) in Kassel, Stadt-Teil-Auto oder Grünes Auto in Göttingen.

Carsharing ist gut für Gelegenheitsfahrer: Sie schnappen sich ein Auto, wenn sie es wirklich brauchen. Was sie nicht am Hals haben, sind Kosten für ein eigenes Fahrzeug, das ohnehin die meiste Zeit nur herumsteht. Wenn Autofahrer weniger als 10 000 Kilometer im Jahr abspulen, kann es sinnvoll sein, auf den eigenen Wagen zu verzichten und Autos zu teilen - heißt es vom alternativen Verkehrsclub Deutschland (VCD).

Längst bieten Autobauer mit und bedienen Kundschaft, die fahren will, aber nicht kaufen: VW bietet Quicar in Hannover an, Drive Now ist die Carsharing-Tochter von Sixt und BMW, bei car2go kooperieren Daimler und Europcar, die Deutsche Bahn ist mit Flinkster am Start.

• Einen Anbieterüberblick ohne Vollständigkeitsgarantie gibt www.carsharing-vergleich.de

• Mehr Infos: www.carsharing-news.de

Service: Wie rechnet sich Autoteilen?

• Stiftung Warentest machte 2012 folgende Rechnung auf: „Je seltener jemand fährt, desto eher lohnt sich Carsharing. Vorteile haben vor allem Fahrer, die den Wagen eher für kurze Strecken und nicht regelmäßig brauchen. In der Modellrechnung von Finanztest zahlt der Autobesitzer eines Kleinwagens für 5000 Jahreskilometer inklusive aller Kosten 206 Euro pro Monat, der Carsharing-Nutzer für die gleiche Strecke mit dem gleichen Auto hingegen nur 138 Euro monatlich.“

• Großstädter sind mit freiem Carsharing der großen Anbieter gut bedient, bei dem die Mietwagen keine festen Stellplätze haben. Für Bewohner kleinerer Städte macht ein stationsbasiertes Angebot Sinn, und auf dem Lande privates Carsharing, sofern Nachbarn das anbieten.

Walter Köhler hat Stattauto gegründet

Walter Köhler (55) kennt den Carsharing-Markt seit Anbeginn: Der Diplomökonom ist Gründer und Geschäftsführer von Stattauto Kassel. Autos zur Nutzung teilen statt kaufen? „Das galt am Anfang als so ´ne Studentengeschichte, war es aber nie!“, sagt Köhler. Mit einem Gebrauchtwagen und einem Anrufbeantworter startete Stattauto 1991 - heute laufen 60 Autos, auch Transporter, für Köhlers Carsharing-Firma.

2000 Nutzer sind bei Stattauto registriert, auf 5000 bis 10.000 schätzt der Kasseler das Potenzial in der Stadt. „Man spart Geld, wenn man richtig rechnet, muss sich nicht mehr um Dinge wie Werkstatt und Versicherung kümmern, wird ohne eigenes Auto automatisch umweltbewusster, fährt mehr Straßenbahn und Fahrrad“: Das sind laut Köhler die wichtigsten Gründe und Lernprozesse unter Carsharing-Nutzern.

Wie sehen stationsbasierte Anbieter die Konkurrenz von freien Carsharing-Firmen, bei denen Autobauer mitmischen? Köhler: „Es gibt da kein entweder oder.“ Viele Kunden nutzten mehrere Wege. Und die Privat-an-Privat-Plattformen? „Die stören überhaupt nicht. Unsere Mitglieder fahren und bekommen einmal im Monat ein Rechnung, das war´s.“ Sich immer neu auf Privatvermieter einzulassen sei aufwendiger und mit Unsicherheiten verbunden.

Überfällig seien aber anbietergebundene Stellplätze im öffentlichen Straßenraum, wie jene für Taxis.

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