"Froh, dass sich der Verfassungsschutz der AfD annimmt"

Charlotte Knobloch im Interview: Sie vermisst Aufschrei gegen Antisemitismus

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Charlotte Knobloch: Die heute 86-Jährige ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Als Charlotte Knobloch bei der Holocaust-Gedenkveranstaltung im Bayerischen Landtag die AfD kritisierte, verließen die meisten Abgeordneten der AfD-Fraktion den Saal und lösten damit einen Eklat aus.

Die HNA* sprach jetzt mit der 86-jährigen Präsidentin der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde nach dem Vorfall in dieser Woche.

Frau Knobloch, Sie haben der AfD vorgeworfen, den Holocaust zu verharmlosen und eine Nähe zum Rechtsextremismus zu pflegen. Gilt das für alle Parteimitglieder? 

Ich unterscheide hier nicht zwischen denen, die diese Dinge aussprechen und denen, die sich nicht davon distanzieren. Beide Gruppen machen die Position der Partei in dieser Form erst möglich. 

Die AfD ist für viele Menschen rassistisch und ausländerfeindlich. Wo richtet sie sich speziell gegen Juden? 

In ihrem bayrischen Wahlprogramm fordert sie unter anderem, den Religionsgemeinschaften, also auch den Juden, staatliche Zuschüsse zu streichen. Das zeigt die Einstellung gegenüber Juden. 

Wie hat sich das Klima in Deutschland seit dem Aufkommen der AfD geändert? 

Es werden Themen vorgetragen, die ich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gehört habe, etwa, wenn unsere Gedenkkultur verächtlich gemacht und die religiösen Grundlagen des Judentums angegriffen werden. Vor der AfD haben die Rechten nie eine so große Rolle gespielt in Deutschland. Ich bin froh, dass der Verfassungsschutz sich jetzt der AfD annimmt, es ist spät genug dafür. 

Hat es nicht schon immer versteckten Antisemitismus in Deutschland gegeben, der sich jetzt nur wieder an die Oberfläche traut?

Richtig, aber Umfragen bestätigen auch, dass der Antisemitismus stark zugenommen hat. Mich erinnert das an die Zeit der späten Zwanzigerjahre in Deutschland. Die Folgen kennen Sie ja. 

Viele Attacken gegen Juden kommen auch von jungen Migranten, wie sehr besorgt Sie das? 

Diese jungen Migranten sind zum Hass auf Israel erzogen worden. Wir haben richtigerweise Menschen in Not aufgenommen, aber wer unsere Werte nicht anerkennt, für den kann es hier auch keine Zukunft geben. 

Wir stark engagiert sich die Gesellschaft gegen den Antisemitismus? Überlässt sie das den Juden? 

Das darf nicht sein. Es ist eine Aufgabe der Gesamtgesellschaft. Der Antisemitismus hat gerade in den vergangenen zwei, drei Jahren stark zugenommen, ich vermisse den Aufschrei und ein stärkeres Engagement der Kirchen und Gewerkschaften jenseits der Reden in ihren Versammlungen. 

Es gibt andererseits blühendes jüdisches Leben, etwa in der Hauptstadt Berlin.

Ja, das gibt es. Und es gibt auch ein großes Interesse unter nichtjüdischen jungen Leuten an der Vergangenheit. Schüler sind bei Besuchen viel besser vorbereitet als früher. Es ist wichtig, dass wir die Zeit jetzt nutzen, denn Zeitzeugen werden rar. Die jungen Leute tragen dann die Verantwortung für die Erinnerung in der Zukunft. 

Ihre Rede im Landtag am Mittwoch hat Sie vielen Beschimpfungen ausgesetzt, wie empfinden Sie das?

Ich bin einiges gewöhnt. Aber diese Wucht an negativen Zuschriften und Kommentaren gerade in den sozialen Medien habe ich noch nicht erlebt. Ich habe trotzdem den Glauben an unser Land und seine gefestigte Demokratie nicht verloren.

Wer ist Charlotte Knobloch?

Charlotte Knobloch wurde 1932 in München geboren. Sie überlebte den Holocaust in Mittelfranken, wo eine frühere Hausangestellte ihres Onkels sie als ihr eigenes Kind ausgab. Charlotte Knobloch war von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland und ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Die vielfach Ausgezeichnete ist seit 2005 Ehrenbürgerin der Stadt München. Knobloch war mit Samuel Knobloch (1922 bis 1990) verheiratet, einem Überlebenden des Krakauer Ghettos. Sie hat drei Kinder.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

 

*HNA.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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