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Röttgen sieht „schwersten Fehler“ der USA im Irak-Krieg - Whistleblowerin Manning bereut nichts

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Markus Lanz und seine Gäste am 23.11.2022.
Markus Lanz und seine Gäste am 23.11.2022. © ZDF-Mediathek / Markus Lanz

„Markus Lanz“ blickt in den Nahen Osten: Mit Whistleblowerin Chelsea Manning arbeitet die Runde die Vergangenheit auf, mit CDU-Mann Röttgen blickt sie in die Zukunft.

Hamburg – Die „Markus Lanz“-Runde bespricht am Mittwochabend die internationale Geopolitik der mächtigsten Staaten. Zur Linken des Moderators nimmt dazu die unter US-Präsident Barack Obama verurteilte und begnadigte Whistleblowerin Chelsea Manning Platz, deren persönliche Geschichte Talkmaster Markus Lanz als „sehr bewegend“ anmoderiert. Insgesamt saß Manning in den USA fast sieben Jahre in Haft, inzwischen hat sie das Buch „README.txt“ veröffentlicht, für dessen PR sie derzeit in Europa unterwegs ist.

CDU-Mann Röttgen bei „Markus Lanz“ über Irak-Krieg: „Schwerster Fehler der USA seit Vietnam“

Manning habe relativ bald nach ihrer Ankunft im Irak 2009 festgestellt, dass es eine große Diskrepanz zwischen der amerikanischen Kriegsführung, wie sie in den USA propagiert wurde und der Kriegsrealität vor Ort gebe. „Ich habe mir gedacht: Als Bürgerin würde ich wissen wollen, was da passiert“, erklärt sie Gastgeber Lanz ihre Beweggründe, WikiLeaks 2010 rund 400.000 geheime Dokumente geleakt zu haben.

Der CDU-Politiker Norbert Röttgen erinnert sich auf Lanz‘ Nachfrage beim Irak-Krieg in erster Linie an die Tatsache, dass der Eintrittsgrund der Amerikaner auf einer Lüge beruhte und bezeichnet ihn als Bruch des Völkerrechts: „Es war der schwerwiegendste und folgenreichste außenpolitische Fehler der Amerikaner seit dem Vietnam-Krieg.“ Wohlwissend, was die Antwort sein würde, fragt Lanz Röttgen, wo er zur damaligen Zeit politisch stand. Röttgen schickt voraus, damals Rechtspolitik gemacht zu haben, bevor er eingesteht, dass seine Unionsfraktion den Kurs der USA unterstützt habe: „Es war ja damals nicht bekannt, dass es eine Unwahrheit war.“

„Markus Lanz“: Whistleblowerin Chelsea Manning gibt nichts zu bereuen

Als „Beginn des Endes der westlichen Glaubwürdigkeit“ bezeichnet indes Golineh Atai, Leiterin des ZDF-Studios in Kairo, den Irak-Krieg heute. Warum, das ruft die anschließende Analyse des berühmt gewordenen „Collateral Murder“-Videos in Erinnerung. Dass darin auf Passanten geschossen wird, die Verletzten helfen möchten, bezeichnet Manning als stellvertretend für den damaligen Geist in der US-Armee: „Es zeigt die Entmenschlichung, sie nicht als Leute, sondern als Ziele wahrzunehmen.“

Talkmaster Lanz mutmaßt, dass die Leaks von zunächst Manning und später Edward Snowden zu einer veränderten Wahrnehmung von Auslandseinsätzen der USA in der amerikanischen Gesellschaft geführt haben. Manning stimmt zu, die US-Bevölkerung sei kriegsmüde, außerdem habe die amerikanische Glaubwürdigkeit international gelitten. Auf die Frage, ob sie nach all dem, was sie erlebt habe, noch einmal so handeln würde, antwortet Manning etwas umständlich aber entschieden, dass sie sich lieber auf Dinge konzentrieren wolle, die sie tatsächlich beeinflussen könne. „Wenn ich irgendeine andere Entscheidung getroffen hätte, wäre es nicht ich gewesen“, erklärt sie dem Gastgeber.

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 23. November

Die erneute Kandidatur Donald Trumps als US-Präsident bewertet Röttgen als wenig beeindruckend. „Es hätte schlimmer kommen können“, sagt er mit Blick auf die Zwischenwahlen in den USA, bei denen die Republikaner nicht die erhofften Gewinne verzeichnen konnten, auf deren Rücken Trump habe Wahlkampf machen wollen. Röttgen findet: „Trump haftet jetzt das Image des Wahlverlierers an.“

Dass sich die internationalen Kräfteverhältnisse derzeit insgesamt verschieben und Europas Abhängigkeit von fossilen Energien sich in den arabischen Raum verlagert, beunruhigt sowohl Lanz als aus Röttgen. Joe Biden sei im Sommer mit seiner Bitte, die Ölfördermengen zu steigern, in Saudi-Arabien nicht nur abgeblitzt, sondern habe sich sogar diplomatisch düpieren lassen müssen. Statt zu steigern oder wenigstens die Fördermenge aufrechtzuerhalten, erklärt Röttgen, habe das Land von Kronprinz Mohammed bin Salman die Fördermenge kurz nach dem Besuch des US-Präsidenten sogar reduziert. „Das ist ein Vorgeschmack auf ein neues Selbstbewusstsein, das eine wirtschaftliche Basis hat“, meint Röttgen.

USA, Saudi-Arabien, China: „Markus Lanz“-Runde debattiert Deutschlands internationale Abhängigkeiten

Zu diesem Selbstbewusstsein gehöre auch, die Welt so lange von fossilen Brennstoffen abhängig halten zu wollen wie es nur geht, denn ein Bewusstsein für den Klimawandel existiere in der Wüstenregion ohnehin nicht, erklärt Atai. Wie Talkmaster Lanz hat die Journalistin ein Problem mit der moralischen Komponente des Handels mit Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar, nämlich immer dann „wenn Werte und Interessen miteinander austariert werden“. Röttgen widerspricht, genau das sei geradezu das Wesen von Politik, jedenfalls Außenpolitik, unterschiedliche Werte und Interessen miteinander in Einklang zu bringen.

Würde man konsequent nur mit Demokratien Handel betreiben, würden sich Deutschland und Europa selbst schaden, erklärt Röttgen weiter. Insbesondere im Falle Chinas sei es nicht im eigenen Interesse, den Handel zu unterbinden. Dennoch sollte Deutschland es Röttgens Meinung nach anstreben, bestehende Abhängigkeiten abzubauen. Zwar stimmt er Talkmaster Lanz darin zu, dass es für deutsche Unternehmen in China um gigantische Gewinne gehe, doch sobald Peking sich dazu entschließe, Taiwan anzugreifen, säße Deutschland „in der Falle“.

Der Westen werde im Falle eines Angriffs auf Taiwan, den Präsident Xi Jinping inzwischen mehrfach angekündigt habe, mit Sanktionen reagieren müssen, führt Röttgen aus. Diese würden allerdings nach sich ziehen, dass deutsche Unternehmen in China – und damit die deutsche Volkswirtschaft – benachteiligt würden. Röttgen sähe die deutsche Wirtschaft für ein solches Szenario gerne besser gewappnet: „Wenn sich bis dahin nichts an unserer Abhängigkeit von China verändert haben sollte, dann hat China gegenüber uns ein in Teilen vernichtendes Vergeltungspotenzial.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Moderator Markus Lanz freut sich am Mittwochabend sichtlich, die Whistleblowerin Chelsea Manning in seiner Sendung begrüßen zu können. Das rund 30-minütige Gespräch bleibt oberflächlich, auch weil die Sprachbarriere zwischen Deutsch und Englisch besteht. So sitzt Manning den Rest der Sendung ohne an der Debatte teilzunehmen neben Markus Lanz und nickt vor sich hin, wohl weil sich die Übersetzerin auf ihrem Knopf im Ohr die Mühe macht, die Sendung simultan zu dolmetschen. Dadurch ist der Rest der Sendung auf ein Gespräch zwischen Gastgeber Lanz, dem Politiker Norbert Röttgen (CDU) und der Nahost-Expertin Golineh Atai reduziert, in dem das Trio die geopolitische Situation im Nahen Osten analysiert. (Hermann Racke)

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