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Chip-Krieg mit China: Der Westen rüstet auf

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Von: Sven Hauberg

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Chipfertigung bei TSMC
Chipfertigung bei TSMC: Das Unternehmen ist Weltmarktführer bei der Herstellung hochwertiger Halbleiter. © Taiwan Semiconductor Manufacturing Co., Ltd.

Robert Habeck hat die Übernahme einer Chipfabrik des Unternehmens Elmos durch China untersagt. Bei Halbleitern stehen die Zeichen weltweit auf Konfrontation.

München/Dortmund/Berlin – Kevin Kühnert brachte es auf den Punkt. Der Chiphersteller Elmos sei keine „Weltklitsche“, sagte der SPD-Generalsekretär vergangene Woche im Interview mit dem Sender RTL/NTV. Sollte heißen: Wirklich wichtig ist das Unternehmen nicht. Tatsächlich sind die Chips, die Elmos in seinem Werk in Dortmund produziert, alles andere als auf der Höhe der Zeit. Halbleiterbausteine mit 350 Nanometern Strukturbreite stellt Elmos her – deutlich größter als die fünf Nanometer, die heute schon möglich sind. Und bei Chips gilt meist: je kleiner, desto besser. Spitzentechnologie sieht also anders aus. Dennoch hat das Bundeskabinett nun eine Übernahme einer Chipfertigung von Elmos durch den schwedischen Konkurrenten Silex, eine Tochter des Konzerns Sai Microelectronics aus China, untersagt. Deren Chef, Yang Yunchun, steht Medienberichten zufolge in Verbindung zu Chinas Kommunistischer Partei und dem Militär des Landes. Zuvor war der Deal zehn Monate lang überprüft worden.

Wirtschaftsminister Robert Habeck sagte am Mittwoch, Deutschland sei nicht „naiv“. China verfolge ein bewusstes strategisches Vorgehen gerade im Bereich von Halbleitern und Mikrochipfertigung. Handels- und Machtinteressen könnten machtpolitisch genutzt und möglicherweise gegen die Interessen der Bundesrepublik genutzt werden.

Silex interessiert sich für die Dortmunder Chipfabrik, um dort sogenannte MEMS-Produkte herzustellen, die etwa für Sensoren von Bedeutung sind. Ob mehr dahinter steckt, ist unklar. Man könne da nur spekulieren, sagte Rolf J. Langhammer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA. „Dahinter muss nicht in jedem Falle immer die Regierung oder Partei in China stehen. Sollte der Konzern an die chinesische Autoindustrie liefern, die einen Vormarsch auf den europäischen Markt plant, könnte von chinesischer Seite argumentiert werden, dass ein Teil der Vorleistungen innerhalb der EU produziert wird“, so Langhammer. „Das wäre gegebenenfalls ein Schutz vor Importbeschränkungen.“

Die Halbleiter, die Elmos produziert, mögen zwar technisch überholt sein, spielen in der Autoindustrie aber noch immer eine große Rolle. Sieben Elmos-Chips stecken laut Unternehmensangaben in jedem Neuwagen. Neben dem konkreten Nutzen könnte es China-Experten zufolge aber auch darum gehen, das Ausland zunehmend abhängig zu machen von chinesischer Technologie – auch, wenn diese lediglich eingekauft wurde.

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Geplatzter Elmos-Deal: „Verkaufen wir hier kritische Technologie an China? Nein“

Noch vor Kurzem sah es so aus, als würde das 85-Millionen-Euro-Geschäft genehmigt werden. Einem Bericht des Handelsblatts zufolge waren sich Kanzleramt und Bundeswirtschaftsministerium einig, dass die Chip-Technologie von Elmos überholt sei und deshalb kein bedeutungsvoller Abfluss von Know-how nach China drohe. „Verkaufen wir hier kritische Technologie an China? Nein“, sagt auch der Experte Jan-Peter Kleinhans von der Stiftung Neue Verantwortung. Warnungen kamen hingegen unter anderem vom Bundesverfassungsschutz, so das Handelsblatt. Der plötzliche Sinneswandel der Bundesregierung dürfte auch mit der hitzigen Diskussion über die Übernahme eines Terminals des Hamburger Hafens durch Chinas Staatsrederei Cosco zusammenhängen. Obwohl alle beteiligen Bundesministerien den Cosco-Deal stoppen wollte, setzte sich am Ende Bundeskanzler Scholz durch und genehmigte das Geschäft. Mit einem Kompromiss zwar, der den chinesischen Anteil deutlich begrenzte. Der Schaden aber war angerichtet.

Bei beiden Deals, Cosco und Elmos, geht es um Grundsätzliches: Welchen Einfluss soll China auf deutsche Infrastruktur und Technologie bekommen – und in welche Abhängigkeiten von Peking will sich die Bundesregierung begeben? Vor allem der Ukraine-Krieg hat die Sensibilität für derartige Fragen hierzulande deutlich erhöht. Einerseits will man sich nie wieder erpressen lassen, so wie Russland das nun mit den Erdgas-Lieferungen tut; gleichzeitig sind die Abhängigkeiten von Peking schon jetzt deutlich größer als jene von Moskau. Und sie sind, vor allem wenn es um Chips geht, mit gewaltigen Unsicherheiten verbunden.

In China selbst werden zwar drei Viertel aller weltweit produzierten Chips verbaut, in Elektroautos etwa oder in Smartphones. Der Weltmarktanteil chinesischer Hersteller bei der Produktion der Chips ist allerdings gering, Chinas größter Halbleiterhersteller SMIC kommt auf einen Anteil von weniger als sechs Prozent. Mehr als die Hälfte aller Halbleiter werden hingegen in Taiwan produziert, vor allem von TSMC. Das Unternehmen aus der Stadt Hsinchu ist besonders gut darin, Chips herzustellen, die sehr klein und sehr leistungsfähig sind.

Taiwans Chiphersteller TSMC ist eine Achillesferse der Weltwirtschaft

Die Vormachtstellung der Taiwaner ist gleichzeitig eine Achillesferse der Weltwirtschaft. Sollte China eines Tages Taiwan angreifen, würden weltweite Lieferketten für Halbleiter zusammenbrechen. Die Produktionsanlagen von TSMC und anderen taiwanischen Herstellern könnten zerstört werden, Facharbeiter das Land fluchtartig verlassen. Die europäischen Staaten, aber auch die USA, versuchen deshalb, mit Milliardensubventionen eine eigene Halbleiter-Industrie aufzubauen. Etwa in Magdeburg, wo Intel derzeit für rund 17 Milliarden Euro eine Chip-Fabrik aus dem Boden stampft. Sechs Milliarden Euro investiert der deutsche Staat in das Werk. „Das stärkt unsere Unabhängigkeit“, sagte Bundesfinanzminister Christian Lindner kürzlich in einem Interview mit den Funke-Zeitungen. Produktionsstart ist allerdings erst in fünf Jahren – falls alles nach Plan läuft.

Wirtschaftsexperte Langhammer glaubt, dass es dann schon zu spät sein könnte. „Die Chip-Produktion ist extrem volatil und folgt dem Schweinepreiszyklus“, sagt er. „Man rennt mit der Produktion einem Aufschwung hinterher und steht im Abschwung vor Überkapazitäten. Diese Gefahr besteht für Europa jetzt auch, wo vielleicht eine Stabilisierungsrezession droht, ähnlich wie 1979.“ Damals machte die zweite Ölkrise der Wirtschaft zu schaffen. „Eine Industriepolitik, die die Chip-Produktion fördert, wäre diesem Schicksal ausgesetzt“, so Langhammer.

Sinnvoller sei es, wenn Chip-Hersteller aus Taiwan und Südkorea in der EU investierten. Berichten zufolge könnte der weltweite Marktführer TSMC genau das planen, angedacht ist angeblich ein Werk in Deutschland. Noch ist auch das allerdings Zukunftsmusik. Derweil muss sich Deutschland mit dem begnügen, was es hat. Und dazu gehört eben auch der Hersteller Elmos. „Wenn man bei etwas eh schon schlecht aufgestellt ist, dann sollte man das bisschen, was man hat, nicht auch noch aus der Hand geben“, sagte SPD-Generalsekretär Kühnert.

Chip-Krieg mit China: Die USA setzen auf Abschottung

Derweil setzen die USA auf Abschottung. Anfang Oktober beschloss die Regierung Ausfuhrkontrollen für bestimmte Halbleiter und Anlagen zur Chipherstellung. Betroffen davon ist vor allem China: Das Land könnte Analysten zufolge massiv unter den neuen Bestimmungen leiden, von einer „massiven Eskalation“ sprach etwa der China-Experte Bill Bishop. Seit Monaten üben die USA zudem Druck auf das Unternehmen ASML aus, seine Halbleiter-Fertigungssysteme nicht mehr nach China zu verkaufen. Die Maschinen der Niederländer gelten bei besonders fortschrittlichen Chips als konkurrenzlos.

Der chinesischen Führung um Staat- und Parteichef Xi Jinping ist die Abhängigkeit des Landes von ausländischer Halbleiter-Technologie seit Langem bewusst. So gab Chinas Regierung das Ziel aus, dass bis zum Jahr 2025 70 Prozent des Bedarfs an Halbleitern im eigenen Land produziert werden soll. Noch ist man davon allerdings weit entfernt. Zumal seit Kurzem auch die taiwanische Regierung ihren Halbleiter-Unternehmen verbietet, neue Produktionsanlagen in China zu errichten.

Mehrere Jahre liegt China in der Halbleiter-Entwicklung zurück. Um völlig vom Ausland unabhängig zu werden, müsste Peking Schätzungen der Boston Consulting Group zufolge rund eine Billion US-Dollar in seine Halbleiterindustrie pumpen. Wo mit derartigen Summen jongliert wird, droht allerdings auch die Gefahr, dass ein Teil des Geldes in dunklen Kanälen versickert. Schon jetzt sind viele Milliarden verschwunden, die Chinas Regierung in den vergangenen Jahren in die Chipindustrie gesteckt hat. Seit vergangenem Jahr wurden rund ein Dutzend Chinesen, denen Korruption im Zusammenhang mit den Halbleiter-Milliarden vorgeworfen worden war, festgenommen oder sie verschwanden.

Von ihrem Kurs, vom Ausland unabhängiger zu werden, dürfte sich Chinas Führung aber nicht abbringen lassen. Halbleiter sind für Xi eine von jenen Spitzentechnologien, in denen China führend werden will – koste es, was es wolle.

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