Corona-Pandemie

Indische Variante auf dem Vormarsch: Drosten warnt – Erste Impfung gegen Mutante weniger wirksam

Virologe Christian Drosten bewertet die bundesweite Corona-Entwicklung – und mahnt zu Vorsicht.

Kassel – Beim Impfen gegen Corona sieht Virologe Christian Drosten Deutschland auf einem guten Weg. Nach anfänglichen Schwierigkeiten sei man im europäischen Vergleich mittlerweile vorne mit dabei, sagte der Charité-Wissenschaftler am Dienstagabend (25.05.2021) im Podcast „Coronavirus-Update“ des Norddeutschen Rundfunks.

„Das läuft schon jetzt sehr schnell bei uns“ und werde zu einer abnehmenden Schwere der Krankheit führen, sodass man irgendwann über den Sommer „zu einer anderen Betrachtung der ganzen Bedrohungslage“ kommen müsse, betonte Drosten. Derzeit sieht er noch eine Übergangsphase in Deutschland. Mit Blick auf die in Indien entdeckte Variante B.1.617 betonte er: „Man muss einfach so schnell wie möglich durchimpfen. Das ist das Beste, was man machen kann.“

Corona in Deutschland: Virologe Drosten mahnt zur Vorsicht in Pandemie

Das Corona-Infektionsgeschehen im Land und den Einfluss der Lockerungen hält Drosten derzeit für schwer beurteilbar. Grund dafür sei die noch unsichere Datenlage nach den Feiertagen, an denen in der Regel weniger Labortests gemacht würden. Man müsse nun die weitere Entwicklung abwarten, sagte er.

Christian Drosten, Virologe und Direktor des Instituts für Virologie an der Charite-Universitätsklinik Berlin, mahnt vor Nachsicht im Bezug auf Corona-Impfungen.

Bislang habe er aber nicht den Eindruck, dass mit den Öffnungsschritten nun alle Dämme brechen. „Ich mache mir da im Moment keine Sorgen.“ Ganz generell gelte, dass zum Beispiel die Außengastronomie „sicherlich kein so großes Problem“ sei – zumal negative Testergebnisse mancherorts dafür Voraussetzung seien.

Virologe Christian Drosten stellt klar: Temperaturen sind nicht verantwortlich für sinkende Corona-Zahlen

Weiter widersprach Drosten Darstellungen, wonach die Infektionszahlen in mehreren Ländern wie von selbst und nur wegen der nun höheren Temperaturen zurückgingen. Man dürfe nicht glauben, dass die Temperaturen alles erledigten. Der Virologe verwies auf die auch in anderen Ländern getroffenen Eindämmungsmaßnahmen. Wenn suggeriert werde, dass die Maßnahmen umsonst gewesen seien, sei das „unfair“, so der Virologe.

Über die Ausbreitung der in Indien entdeckten Corona-Variante B.1.617 in Großbritannien sagte Drosten, es gebe noch viele Unwägbarkeiten. Befürchtet wird eine um bis zu 50 Prozent erhöhte Übertragbarkeit. Drosten verwies aber auf eine Reihe von möglicherweise verzerrenden Faktoren.

So sei die aktuelle Situation in dem Land eine andere als Ende 2020, als die Mutante B.1.1.7 gekommen sei. Damals habe sich die Winterwelle aufgebaut, während nun die dritte Welle stark abgebremst worden sei und viele Menschen einen Impfschutz hätten. B.1.617 sei zudem massiv aus Indien eingetragen worden – und man wisse leider, dass der Impffortschritt sozial ungleich verlaufe.

Christian Drosten über Impfstoffe: Biontech und Astrazeneca schützen gut gegen indische Corona-Mutante

Eine Studie zeigte kürzlich, dass die Impfstoffe von Pfizer/Biontech und Astrazeneca nach zweifacher Impfung recht gut gegen eine Erkrankung mit der in Indien entdeckten Variante des Coronavirus schützen. Drosten sagte, offenbar sei es aber so, „dass gerade die erste Impfung gegen dieses Virus noch nicht so viel hilft, sodass man jetzt schnell vervollständigen muss“.

Wahrscheinlich mischten sich für diese Variante diesbezüglich die Karten neu – und man komme nur vorwärts, wenn man vollständig impfe. Großbritannien hatte auf den Effekt möglichst vieler Erstimpfungen gesetzt.

Corona-Studie zu Ansteckungsfähigkeit von Kindern

Nach der Veröffentlichung seiner Corona-Studie zu sogenannten Viruslasten im namhaften Fachblatt Science am Dienstag (25.05.2021) sah sich Drosten in seinen Einschätzungen zur Ansteckungsfähigkeit auch von Kindern bestätigt. Schon anhand erster Daten habe man als klinischer Virologe gesehen, dass alle Altersgruppen ungefähr gleich viele Virus-Erbgutkopien aufwiesen.

Dieser Eindruck habe sich gehalten. Über eine vorläufige Auswertung von vor über einem Jahr war viel diskutiert worden – vor allem wegen der Schlussfolgerung, dass Kinder so ansteckend sein könnten wie Erwachsene.

Christian Drosten über die Ansteckungsgefahr: Es gibt auch bei Kindern Infizierte mit hoher Viruslast

Die Studie untermauert demnach auch die Annahme, dass ein relativ kleiner Teil der Infizierten für besonders viele Corona-Ansteckungen sorgt. Wie Drosten schilderte, gibt es in allen Altersgruppen, auch bei Kindern, Infizierte mit außergewöhnlich hohen Viruslasten. In der Studie betraf dies etwa neun Prozent der untersuchten Fälle. In „erheblichem Umfang“ befinden sich darunter laut dem Virologen Menschen, die im gesamten Krankheitsverlauf maximal milde Symptome bekommen. Auch Menschen ohne Krankheitsanzeichen seien eingeschlossen.

In Anbetracht der Corona-Ansteckungsgefahr durch gesund wirkende Infizierte betonen die Wissenschaftler in ihrem Fazit zur Studie die Bedeutung von Maßnahmen wie Abstandhalten und Maskentragen. „Das Maximum der Virus-Ausscheidung liegt ein bis drei Tage vor dem Symptombeginn“, sagte Drosten über ein weiteres Ergebnis der Arbeit. Darum sei das Virus so schwer zu kontrollieren.

Doch wie wird der Sommer in Deutschland? Christian Drosten zeigt sich zuversichtlich für den Verlauf der Corona-Pandemie. Jedoch warnt er vor zu früher Euphorie. (luw/dpa)

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/afp

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.