CNN-Interview mit Chen Guangcheng

Der chinesische Bürgerrechtler Chen Guangcheng hat dem amerikanischen TV-Sender CNN ein Telefoninterview vom Krankenhausbett aus gegeben. Darin bittet der blinde Aktivist die USA, ihm jetzt doch bei der Ausreise aus China zu helfen.

Seinen Meinungswandel begründet er mit Sorgen um seine Sicherheit. Der 40-Jährige und seine Frau Yuan Weijing gaben das Interview nur wenige Stunden nachdem Chen die US-Botschaft in Peking verlassen hatte.

Die Deutsche Presse-Agentur übersetzt eine englische Fassung von CNN. Das Interview war in Mandarin geführt worden:

CNN: „Warum haben Sie Ihre Meinung, in China bleiben zu wollen, geändert?“

Chen: „Ich glaube es ist an der Zeit für mich, so eine Entscheidung zu treffen.“

CNN: „Warum?“ Chen: „Aus Sicherheit.“ (...)

CNN: „Was würde passieren, wenn Sie in China blieben?“ Chen: „Es kann alles passieren.“

CNN: „US-Beamte sagten, Sie wirkten zuversichtlich, als Sie die Botschaft verließen. Was ist passiert?“

Chen: „Ich hatte zu der Zeit kaum Informationen. Ich durfte von der Botschaft aus nicht meine Freunde anrufen. Ich konnte mich nicht auf dem Laufenden halten und wusste nicht viel davon, was geschah?“

CNN: „Was hat Ihren Sinneswandel ausgelöst?“

Chen: „Die Botschaftsleute drängten mich zu gehen und versprachen, dass sie Leute hätten, die mit mir im Krankenhaus bleiben. Doch heute Nachmittag (Mittwoch), kurz nachdem wir dort ankamen, waren sie alle weg.“

CNN: „Hat die USA Sie enttäuscht?“ CNN: „Warum?“

Chen: „Ich glaube, (US-Beamte) haben in diesem Fall die Menschenrechte nicht geschützt.“

CNN: „Was würden Sie US-Präsident Obama sagen?“ Chen: „Ich würde (Präsident Obama) gerne sagen: Bitte tun Sie alles, um unsere ganze Familie hier rauszuholen.“

CNN: „Ist das Ihr dringlichster Wunsch?“

Chen: „So ist es.“

CNN: „Was hat Ihre Frau Ihnen nach Ihrer Flucht erzählt?“

Chen: „Die Polizei hat (meine Frau) zwei Tage lang an einen Stuhl gefesselt. Dann brachten sie Knüppel zu uns nach Hause und drohten, sie zu Tode zu prügeln. Jetzt sind sie ins Haus eingezogen - essen an unserem Tisch, benutzen unsere Sachen. Unser Haus wimmelt von Sicherheit - auf dem Dach und im Garten. Sie haben sieben Überwachungskameras in unserem Haus installiert und elektrische Zäune um den Hof herum errichtet.“

CNN: „Was haben die Beamten Ihrer Frau gesagt würde passieren, wenn Sie nicht die Botschaft verließen?“

Chen: „Sie sagten, sie würden sie zurückschicken (nach Shandong) und Leute würden sie dort verprügeln.“

CNN: „Wenn Sie in China bleiben, gibt es dann keine Zukunft?“

Chen: „Ich neige dazu, das zu glauben.“

CNN: „Sie haben die meisten Informationen im Krankenhaus bekommen, nachdem Sie die Botschaft verlassen haben?“

Chen: „Ja, die meisten.“

CNN: „Sind Ihre Frau und Ihre Kinder bei Ihnen?“

Chen: „Ja. Ich habe gerade mein Handy wieder eingeschaltet. Eine Zeit lang konnte ich keine Anrufe tätigen oder erhalten. Jetzt kann ich angerufen werden, aber nicht anrufen. Ich habe das Gefühl, dass meine Rechte bereits verletzt werden.“

CNN: „Stimmt es, dass niemand von der Botschaft Ihre Anrufe angenommen hat?“

Chen: „Ja, ich habe zwei Botschaftsleute mehrfach angerufen.“

CNN: „Was möchten Sie der US-Regierung sagen?“

Chen: „Ich möchte, dass sie sich mit konkreten Schritten für die Menschenrechte einsetzt. Wir sind in Gefahr. Wenn Sie mit Hillary (Clinton) sprechen können, ich hoffe, sie kann meiner ganzen Familie helfen, China zu verlassen.“

CNN: „So schnell wie möglich?“

Chen: „Ja, so schnell wie möglich.“

CNN: „Die ganze Welt schaut auf Sie - was denken Sie darüber?“

Chen: „Ich bin sehr dankbar. Ich habe das Gefühl, ihre Sorgen sind aufrichtig, nicht nur Show.“

CNN: „Haben Sie das Gefühl, in der Botschaft belogen worden zu sein?“ Chen: „Ein wenig habe ich dieses Gefühl.“

CNN: „Was hat diese Zerreißprobe Sie gelehrt?“

Chen: „Ich habe das Gefühl, dass jeder zu sehr auf sein Eigeninteresse konzentriert ist und zwar auf Kosten der eigenen Glaubwürdigkeit.“

CNN: „Sie sind beide noch um 3 Uhr morgens wach - sind sie verängstigt?“

Chen: „Ja, wir spüren große Angst. (...) Ich habe der Botschaft gesagt, ich würde gerne mit Vertreter Smith (Kongressabgeordneter Chris Smith) sprechen, aber Ihnen ist es irgendwie nie gelungen, das zu arrangieren. Ich bin etwas verwundert.“ Fragen an Chens Frau Yuan Weijing

CNN: „Was wollen Sie jetzt?“

Yuan: „Nachdem wir die Realität gesehen haben, wollen wir diesen Ort mit unseren Kindern so schnell wie möglich verlassen. Es ist sehr gefährlich für uns.“

CNN: „Ist die Situation schlimmer geworden seit seiner Flucht?“

Yuan: „Ja, schlimmer.“

CNN: „Was ist Ihnen passiert, nachdem er flüchtete - wo ist seine Mutter?“

Yuan: „Sie ist noch immer zuhause und andere sind dort eingezogen. Früher waren es lokale Sicherheitsleute in Zivil, aber jetzt sind es alles Polizisten. Sie haben gedroht, uns den Strom abzuschalten. Sie graben vor unserem Hof. Es sieht so aus, als würden sie dort etwas installieren.“

CNN: „Was geschah, als sie Sie nach seiner Flucht in Gewahrsam nahmen?“

Yuan: „Sie wollten genau wissen, wie er geflüchtet ist. (Sie sagten:) Guangcheng ist blind und wir haben so viele Wachen angeheuert, wie haben wir ihn verloren und was genau hat er wohl getan, nachdem er draußen war?“

CNN: „Ist China ein Land, in dem Sie Ihre Kinder großziehen wollen?“

Yuan: „Nachdem Guangcheng draußen war, hat die Regierung versucht, mich zu überreden hierzubleiben. Aber sie setzten mich auch unter Druck. Ich war wirklich besorgt. Wenn sie uns jemals zurück nach Hause bringen, stecken sie uns in einen eisernen Käfig.“

CNN: „Was würden Sie Hillary Clinton sagen?“

Yuan: „Ich weiß, die chinesisch-amerikanischen Beziehungen umfassen viele Themen und viele Dinge müssen in Betracht gezogen werden. Aber Tatsache für meine Familie ist, dass unsere Leben eindeutig in Gefahr sind. Ich hoffe, dass die US-Regierung ihren Vorstellungen von Menschenrechten folgen und uns unter diesen Bedingungen schützen und dabei helfen wird, China zu verlassen.“

CNN: „Sind sie darauf vorbereitet, nicht wieder zurück zu dürfen?“ Yuan: „Wir sind darauf vorbereitet, denn unsere aktuelle Situation ist sehr gefährlich. (...) Sie haben viele Versprechungen gemacht. Aber im Moment können wir nicht einmal unser Telefon frei nutzen. Ich kann noch nicht einmal frei aus dem Krankenhaus gehen. Freunde können uns nicht besuchen (...).“

CNN: „Werden Sie im Krankenhaus beobachtet?“

Yuan: „Sie haben Sicherheitsleute hier.“

CNN: „Sind die Botschaftsleute weg?“

Yuan: „Ja. Sie haben versprochen, mit Guancheng hierzubleiben - das hätte uns ein Gefühl von Sicherheit gegeben. Aber wir haben niemanden gesehen, seit wir in diesem Krankenhauszimmer angekommen sind. Ich habe Guangcheng im Grunde überredet, sich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen - aber ich habe nicht gewusst, dass die Botschaft ihn dazu gedrängt hatte zu gehen.“

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.