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Nächtliche Ausgangssperren wegen Corona: Studien uneins, was sie wirklich bringen

Politiker und Wissenschaftler sind sich nicht einig, was eine nächtliche Ausgangssperre aufgrund von Corona bringt. Dennoch wird sie in einigen Landkreisen eingesetzt.
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Politiker und Wissenschaftler sind sich nicht einig, was eine nächtliche Ausgangssperre aufgrund von Corona bringt. Dennoch wird sie in einigen Landkreisen eingesetzt.

Einige Politiker sind in der Corona-Pandemie für Ausgangssperren, andere zweifeln an ihrer Effektivität. Auch Studien liefern unterschiedliche Ergebnisse.

Kassel – Etliche Politiker fordern, dass in Deutschland eine nächtliche Ausgangssperre eingeführt wird. Grund dafür sind die steigenden Corona-Infektionszahlen. Karl Lauterbach spricht sich dafür auf Twitter aus. Auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder fordert Ausgangssperren. Selbst Kanzlerin Angela Merkel nannte in der ARD-Talksendung Anne Will am Sonntagabend (28.03.2021) zusätzliche Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren als mögliche Maßnahmen.

Das Argument lautet meistens, dass Ansteckungen mit dem Coronavirus vor allem im privaten Umfeld erfolgten und dass nächtliche Ausgangssperren private Treffen am Abend verhindern könnten. Bisher gab es nur regional begrenzte Ausgangssperren, etwa in Hessen, Sachsen, Thüringen und Bayern. Seit Montag (29.03.2021) sollen niedersächsische Landkreise und Städte laut der neuen Corona-Verordnung eine nächtliche Ausgangssperre einführen, wenn die Inzidenz vor Ort auf über 150 steigt. Ab Donnerstag (01.04.2021) gilt etwa in der Region Hannover eine zwölftägige Ausgangssperre ab 22 Uhr.

Ausgangssperren: Politiker und Wissenschaftler sind sich uneins über die Corona-Maßnahme

Andere Politiker sehen die nächtliche Ausgangssperre eher kritisch. So sagte der Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch im ARD-Morgenmagazin, dass die Ausgangssperren nur im „äußersten Notfall“ angewendet werden sollen, da sie so ein hartes Mittel seien. Für den Grünen-Gesundheitsexperten Janosch Dahmen sind die Ausgangssperren hingegen zu „unspezifisch“ und am wenigsten wirksam, wie er den Sendern RTL und ntv sagte.

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Hinsichtlich der Wirksamkeit der abendlichen und nächtlichen Ausgangssperren sind sich neben den deutschen Politikern auch internationale Wissenschaftler uneinig. Der Auslandsrundfunksender Deutsche Welle (DW) zieht zu einem Faktencheck mehrere internationale Studien heran. Genauso wie das ZDF kommt er zu einem uneindeutigen Ergebnis.

Ausgangssperren während Corona: Studie sagt, dass sie helfen können – aber nicht allein

Sowohl Karl Lauterbach als auch die DW ziehen die Studie von überwiegend britischen Forschern heran. Demnach könnte eine nächtliche Ausgangssperre positive Auswirkungen auf die Reproduktionszahl haben. Der R-Wert gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person ansteckt. Eine Ausgangssperre könnte diesen Wert laut der Studie um 13 Prozent senken.

Eine nächtliche Ausgangssperre müsse aber laut den Autoren der Preprint-Studie im Wechselspiel mit anderen Maßnahmen wie zum Beispiel Schließungen der Gastronomie und Beschränkungen von privaten Treffen gesehen werden. Karl Lauterbach interpretiert die Studie auf Twitter so, dass nächtliche Ausgangssperren sogar mehr wirken würden als Schulschließungen.

Ausgangssperren während Corona in Kanada: Es liegen keine eindeutigen Studien vor

Laut der DW gilt in der kanadischen Provinz Quebec seit Anfang Januar 2021 in besonders betroffenen Regionen eine nächtliche Ausgangssperre. Auf eine Anfrage des Auslandrundfunksenders, auf welche wissenschaftliche Grundlage dies aufbaue, habe das Gesundheitsministerium nicht konkret geantwortet. Beobachtungsstudien sollen demnach gezeigt haben, dass diese Maßnahme private Zusammenkünfte verhindere.

Ein Epidemiologe der McGill Universität in Montreal weiß laut der DW jedoch von keiner formellen Evaluation, die das untersuche. Dass die Corona-Infektionszahlen in Quebec in den vergangenen Monaten stabil seien oder sogar sinken, während sie in anderen Provinzen ansteigen, wolle und könne er nicht einzig und alleine auf die dortigen Ausgangssperren zurückführen. Es müssten noch andere Faktoren wie etwa die Impfquote, Testungen und der digitale Unterricht miteinbezogen werden.

Interessant ist jedoch der von der DW zitierte Fakt, dass durch die Sommerzeit und die länger hellen Abende der Beginn der Ausgangssperre in Quebec um anderthalb Stunden nach hinten geschoben wurde – und die Infektionszahlen wieder gestiegen seien. Gegenüber der DW sagte der Epidemiologe jedoch, dass es zur Untersuchung der einzelnen Corona-Maßnahmen eine Studie benötige und nicht bloß einen „vagen Eindruck“.

Auch in Frankreich gibt es Ausgangssperren – Zwei Studien zu Corona-Maßnahmen

Auch in Frankreich gibt es in weiten Teilen des Landes seit einigen Monaten nachts eine Ausgangssperre. Je nach Region beginnt sie zwischen 18 und 20 Uhr. In einer Studie von mehreren Wissenschaftlern aus Toulouse heißt es, dass eine nächtliche Ausgangssperre ab 20 Uhr dazu beitrage, die Verbreitung von Sars-CoV-2 zu verringern.

Wenn aber die Ausgangssperre bereits um 18 Uhr beginne, soll das einen gegensätzlichen Effekt gehabt haben. Die Autoren der Studie geben als einen möglichen Grund an, dass durch die frühere Ausgangssperre die Menschen in Toulouse vermehrt in Supermärkten aufeinander treffen.

Eine Preprint-Studie von Forschern des französischen Instituts für Gesundheit und medizinische Forschung kommt laut der DW zu dem Ergebnis, dass nächtliche Ausgangssperren im Januar 2021 bei der Eindämmung der Verbreitung des ursprünglichen SARS-CoV-2-Stranges geholfen hätten. Bei der ansteckenderen britischen Mutation B.1.1.7 würden diese Maßnahmen aber nicht so gut wirken.

Politiker und Wissenschaftler sind sich nicht einig, was eine nächtliche Ausgangssperre aufgrund von Corona bringt. Dennoch wird sie in einigen Landkreisen eingesetzt.

Ausgangssperren und andere Corona-Maßnahmen: Forscher simulieren am Computer

Auch computergestützte Simulationen werden herangezogen, um zu untersuchen, wie effektiv nächtliche Ausgangssperren sind. An dem Projekt „ASSOCC“ arbeiten internationale Wissenschaftler. Eine von ihnen ist Amineh Ghorbani, die im Interview mit der DW sagte, dass in dieser Simulation eine künstliche Gesellschaft nachgestellt wurde, deren Menschen ähnliche Bedürfnisse haben wie in dem Spiel „Die Sims“ – also neben Essen, Schlafen und Harndrang auch der Wunsch nach sozialen Kontakten. Wenn der Wunsch danach sehr stark werde, könne dies bedeuten, dass Regeln gebrochen werden.

Diese Simulation ist laut der DW zu dem Ergebnis gekommen, dass eine nächtliche Ausgangssperre dabei hilft, die Infektionszahlen nicht so schnell ansteigen zu lassen. Damit trägt sie dazu bei, das Gesundheitssystem vor einer Überlastung zu bewahren. Ghorbani sagte der DW: „Im Gegensatz zu einem harten zweiwöchigen Lockdown müssen Ausgangssperren länger in Kraft sein, um effektiv zu wirken.“ Zudem sollen sie demnach mit anderen Maßnahmen kombiniert werden, da sie allein nicht so wirksam seien.

Mit Blick auf Deutschland und den Niederlanden, die beide am Beginn einer dritten Welle sind, sagte Ghrobani der DW, dass, wenn man sich für einen strikten Lockdown entscheidet, eine nächtliche Ausgangssperre ebenfalls Sinn ergeben würde. Der Lockdown könne dann nach drei Wochen gelockert werden, während die Ausgangssperre noch weiter bestehe.

Ausgangssperren dürften in der Corona-Pandemie „schnell stumpf werden“

Auch der Mobilitätsforscher Kai Nagel von der TU Berlin nutzt eine Simulation. Wie das ZDF berichtet, haben Nagel und seine Kollegen am Computer das Infektionsgeschehen bei verschiedenen Maßnahmen simuliert. Demnach hätten abendliche und nächtliche Ausgangssperren einen Effekt bei der Vermeidung von Corona-Infektionen, da sie private Kontakte reduzieren.

Die Autoren des sogenannten „Modus-Covid Berichts“ geben jedoch zu bedenken, dass die Menschen mittelfristig sich einfach früher treffen würden. Insofern seien Ausgangssperren ein Werkzeug, das „relativ schnell stumpf werden dürfte“. (Sandra Böhm)

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